Hannover (dpa) - Niedersachsens schwer unter Druck geratene Agrarministerin Astrid Grotelüschen (CDU) ist am Freitag nach rund acht Monaten im Amt zurückgetreten. Ministerpräsident David McAllister (CDU) präsentierte in der CDU-Landtagsfraktion am Vormittag bereits einen Nachfolger - den früheren Staatssekretär im Bundesagrarministerium, Gert Lindemann (63).
Der ausgewiesene Agrar-Fachmann erhielt von den Abgeordneten in der Sondersitzung im Landtag in Hannover viel Applaus. «Gert Lindemann bringt für die wichtige Aufgabe des niedersächsischen Landwirtschaftsministers alle notwendigen Voraussetzungen und Qualifikationen mit», erklärte McAllister. Die CDU-Parlamentarier reagierten erleichtert auf den Ministerwechsel. Grotelüschen war wegen andauernder Vorwürfe um Tierschutz-Mängel und Billiglöhne in der Geflügelbranche zur Belastung für die schwarz-gelbe Landesregierung geworden. Die Opposition bewertete den Rücktritt als überfällig.
Auch die CDU-Landtagsabgeordneten waren sich weitgehend einig, dass ein Wechsel an der Spitze des Agrarressorts unausweichlich geworden war. Zugleich bezeichneten sie den Rücktritt aber als «menschlich bitter». Grotelüschen war als Neuling nach nur wenigen Monaten im Bundestag in die Landesregierung aufgestiegen.
Ex-Ministerpräsident Christian Wulff hatte die 46-Jährige berufen.
Grotelüschens Familie besitzt eine der größten Mastkükenbrütereien in Deutschland. Tierschützer und die Opposition beklagten immer wieder, Grotelüschen sei im Regierungsamt noch zu sehr Lobbyistin und verharmlose die Probleme bei der Massentierhaltung. Eine Studie zu Missständen in der Hähnchenmast im Auftrag des Ministeriums hatte die Debatte weiter angeheizt. Auch die Ankündigung der Ministerin am Anfang dieser Woche, eine Arbeitsgruppe zum Tierwohl einzusetzen, kam vielen zu spät.
Es sei wichtig, dass jetzt wieder Ruhe einkehre, sagte Sozialministerin Aygül Özkan (CDU). Auch Grotelüschens Vorgänger im Amt, Hans-Heinrich Ehlen (CDU), erklärte, McAllister habe in dieser Lage Konsequenzen ziehen müssen. «Wir bekommen wieder einen Top-Fachmann», hieß in der CDU-Landtagsfraktion. Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) bezeichnete Lindemann als «honorigen und kenntnisreichen Politiker». Grotelüschen war nicht zur Fraktions- Sondersitzung am Freitagvormittag gekommen.
CDU-Fraktionschef Björn Thümler reagierte mit Kritik an der Opposition, der es «um ein inszeniertes Kesseltreiben gegen eine hervorragend arbeitende Landesregierung» gegangen sei. «Der Umgang mit Astrid Grotelüschen durch die Opposition war respektlos und menschlich zutiefst verletzend. Ich kann gut nachvollziehen, dass die damit einhergehende Belastung, der die gesamte Familie Grotelüschen mittlerweile ausgesetzt ist, unerträglich wurde.»
Thümler würdigte den neuen Agrarminister Lindemann als profunden Kenner der deutschen und europäischen Agrarpolitik. Er genieße auch bei Landwirtschafts- und Tierschutzverbänden ein hohes Ansehen.
Gert Lindemann - ein alter Hase im Agrarressort
Mit Gert Lindemann rückt ein alter Hase an die Spitze des niedersächsischen Agrarministeriums. Der 63-Jährige bewegt sich seit vielen Jahren gekonnt auf der landes- und bundespolitischen Bühne. Anfang des Jahres musste er als Staatssekretär bei Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse
Aigner (CSU) in Berlin einen Rückschlag einstecken und den Hut nehmen:
Aigner ersetzte ihn im Rahmen einer «grundlegenden Umstrukturierung».
Der Jurist Lindemann aus Peine war Richter am Oberlandesgericht Celle. Er gilt aber seit langem als ausgewiesener und kompetenter Agrarfachmann. Niedersachsen kennt er gut: Von 1983 bis 2003 arbeitete er als Referats- und Abteilungsleiter im Landwirtschaftsministerium in Hannover. Dann stieg er zum Staatssekretär auf. 2005 machte er Karriere im Bund, als Aigners Vorgänger Horst Seehofer (CSU) ihn nach Berlin holte.
Die Abberufung aus dem Bundesagrarministerium im Januar stieß innerhalb der schwarz-gelben Koalition in Berlin auf Kopfschütteln und verärgerte viele Christdemokraten in Hannover. Nun soll der passionierte Jäger Lindemann mindestens bis zur Landtagswahl 2013 das in die Negativschlagzeilen geratene Ressort in Niedersachsen leiten und das Image wieder aufpolieren.