Eine neue Attraktion für Wesertouristen: Mit etwas Glück
lassen sich Schweinswale beobachten.
Titelbild und Foto: Peter Andryszak
Familie Geerdes traut ihren Augen kaum: „Da bläst doch ein Wal!" Deutlich ist ein scharfes Schnaufen zu hören, gefolgt von der typischen Luftverblasung. In einer langsamen, nach vorne rollenden Bewegung stellt der Kleine Tümmler seinen dunklen Rücken mit der dreieckigen Rückenfinne zur Schau. So etwas haben die Wesertouristen noch nie gesehen.
Informationen sammeln
Aufgeregt rufen sie bei Martin Stein von der Naturschutzbehörde Brake im Landkreis Wesermarsch an. Der notiert alle Einzelheiten der Beobachtung, wie Ort, Anzahl und Verhalten der Tiere und leitet sie an die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer weiter. „Jede Meldung ist wertvoll", betont der Biologe. „Auf diese Weise können wir ermitteln, welche Bedeutung die Weser für die Schweinswale hat und gezielt zu ihrem Schutz beitragen."
In diesem Jahr sind bereits 30 Exemplare gesichtet worden. Teilweise weit weseraufwärts bis zur Lesum bei Bremen. Über die Gründe ihrer Rückkehr lässt sich derzeit nur spekulieren. Liegt es an der deutlich verbesserten Wasserqualität? Folgen die Tiere den Fischschwärmen, die zum Laichen von der Küste in die Flüsse ziehen? Oder hat vielleicht der Klimawandel mit diesem erstaunlichen Phänomen zu tun?
Fragen, die im Rahmen des Artenschutzprojekts „Weser und deutsche Nordseeküste" geklärt werden sollen. Dort arbeitet die weltweit agierende Gesellschaft zur Rettung der Delfine – kurz: GRD – eng mit der Unteren Naturschutzbehörde Brake zusammen. Das vor drei Jahren initiierte Forschungsprogramm basiert auf Freiland-Datenerhebungen. Sichtungsmeldungen sollen Aufschluss über Vorkommen und Strandungen der sympathischen Flipper-Verwandtschaft geben. Jetzt kommen sogar Hightech-Lauschdetektoren zum Einsatz. Unterwassermikrofone, die im Abstand von 26 Kilometern in der Weser installiert sind, zeichnen die Orientierungslaute der Zahnwale auf. Durch diesen „Lauschangriff" erhoffen sich die Naturschützer weitere Informationen zum geheimnisvollen Revierwechsel.
Früher einmal zogen Schweinswale häufig und in großen Gruppen die Weser, aber auch die Ems und Elbe hoch. Sie dienten sogar als billiger Fleischersatz. Mit großen Netzen trieb man die Tiere an den Flussmündungen in flaches Gewässer und schlachteten sie – wie die Schweine – ab. Daher wohl der merkwürdige Name. Auch ihre gedrungene Form, die angeblichen Schweinsaugen und ihre dicke Speckschicht mögen dazu beigetragen haben. Heute stehen sie zwar unter Naturschutz. Aber ihr Leben ist täglich in Gefahr. Fischernetze, nahezu unsichtbar, werden für die Meeressäuger zur Todesfalle, in der sie hilflos ertrinken müssen. Gifte und Schadstoffe schwächen das Immunsystem.
Sensible Meeressäuger
Ein aktuelles Problem ist die Lärmbelastung durch Schiffsmotoren, Baggerarbeiten und Baulärm von Offshore-Anlagen. Schweinswale können dadurch schwerhörig werden. Für die Ortung von Beutefischen, die ähnlich wie bei Fledermäusen per Ultraschall erfolgt, ist ihr empfindliches Gehör überlebenswichtig.
Naturschutzbehörde und GRD rufen nun Spaziergänger und Wassersportler zur Mithilfe und zum „Whale-Watching" an der Weser auf. Ein bisschen Glück gehört dazu. Es ist nicht leicht, die scheuen Schweinswale zu beobachten. Sie kommen nur kurz zum Atemholen an die Oberfläche. Dann tauchen sie wieder für zwei bis sechs Minuten unter. Gern ruhen sich die Mini-Moby Dick’s auch mal an der Wasseroberfläche aus und werden dann leicht mit Treibgut verwechselt.
Also Augen offenhalten: Martin Stein freut sich über jede Sichtungsmeldung – am besten mit Foto.