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Aufreger

ZEIT-Artikel 'Tödliche Keime' mit Preis ausgezeichnet

Krenn
am
05.11.2015

Einen hochdotierten Journalistenpreis erhielten die Autoren vor kurzem für die umstrittende ZEIT-Titelstory "Tödliche Keime". Und das, obwohl sogar der Presserat bei dem schwer umstrittenen Artikel teilweise mangelnde journalistische Sorgfalt festgestellt hat. agrarheute hat bei den Preisverleihern nachfragt.

Den Autoren der Artikel-Serie "Tödliche Keime" (Online-Ausgabe), die im November 2014 in der ZEIT veröffentlicht wurde, verlieh die Industrie- und Handelskammer vor kurzem den Ernst-Schneider-Preis. Es ist laut DIHK der höchstdotierte Preis im Wirtschaftsjournalismus, mit dem die "IHKs das Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge verbreitern und die Medien ermutigen" wollen, "neue Schritte bei der Vermittlung von Wirtschaft zu gehen", heißt es auf der DIHK-Seite.

Gerade das kritisierten viele nach Veröffentlichung des ZEIT-Artikels. Er schlage in die immer wieder gleiche Medien-Kerbe. Der Tenor: Erneut werde undifferenziert über die Landwirtschaft berichtet und als Verursacher multiresistenter Keime an den Pranger gestellt. Und auch der Presserat gab einer Beschwerde des Deutschen Bauernverbands Recht, dass hier nicht sauber gearbeitet wurde. Die Institution für Presseethik sah einen Verstoß gegen die Einhaltung der journalistischen Sorgfaltspflicht.

Jury kannte Presserat-Urteil nicht

Auf Nachfrage von agrarheute, bestätigte die Pressesprecherin der DIHK, dass der Jury das Urteil des Presserats nicht bekannt war. Zudem argumentiert die DIHK, dass es sich bei dem Presserats-Urteil lediglich um einen "Hinweis" und nicht um eine schwerer zu beurteilende "Rüge" handelte. Der Hinweis betraf, so die Stellungnahme, einen "Fehler im Text, der aber für die Gesamtaussage der Geschichte unerheblich ist." Weiter heißt es in der Stellungnahme: "Die Juroren sahen durchaus das Dilemma der Tierzüchter, die dem Verbraucherwunsch folgend preiswertes Fleisch produzieren. Das geht im Zweifel nicht ohne eine intensive Tierhaltung. […] Deswegen weisen Juryentscheidung und Laudatio auf Zusammenhänge hin, die den Verbraucher in die Pflicht nehmen."

ZEIT-Autor vergleicht Bauern mit Nazis

Viele der Branche empfinden die DIHK-Auszeichnung gerade dieses Artikels - noch dazu im Fachbereich Wirtschaftsjournalismus - als Schlag ins Gesicht. Aber damit nicht genug. Einer der ausgezeichneten Autoren, Christian Fuchs, hat scheinbar im Nachgang zur Preisverleihung noch einen drauf gesetzt und äußerst unsachlich gegen die Landwirtschaft gewettert.

Auf seiner Facebook-Seite postete er laut Interessensverband der Schweinehalter ISN:

"Wer ist krasser als Nazis, Scientologen oder Geheimdienste? Die deutsche Agrarlobby. Nachdem vor einem Jahr unsere Seite über die Greuel in der industriellen Massentierhaltung (ausgebeutete Wanderarbeiter, multiresistente Keime, Geschäftemacherei von Tierärzten, Mästern, Tierpharmaunternehmen etc) erschien, erlebten wir einen bisher nie dagewesenen aggressiven Protest der Bauern. Die Landwirte demonstrierten vor der Redaktion von DIE ZEIT, die beballerten uns mit über 1000 kritischen Leserbriefen, sammelten Geld für Gegenanzeigen in der ZEIT, versuchten uns beim Presserat mit der Klage eines Top-Medienanwalts zu diskreditieren, erpressten ein Spitzengespräch zwischen Lobby-Verbänden und der Redaktion, logen sich die Realität in ihren eigenen Medien zurecht und denunzierten uns hinter unserem Rücken. Darum war die vergangene Woche so erfreulich für uns."

Christian Fuchs hat diesen Post mittlerweile von seiner Facebook-Seite gelöscht.

dlz-Chefredakteur reagiert mit offenem Brief

Agrarpolitikerin schreibt Brandbrief an DIHK

Die Preisverleihung und dann noch dieser Fehltritt des ZEIT-Autors Fuchs - das ging auch der Agrarpolitikerin Gitta Connemann (CDU) zu weit. Die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für den Bereich Landwirtschaft hat laut ISN einen Brandbrief an den Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) verfasst, in dem sie ihrem Entsetzen Luft machte.

"Wenn es nach Fuchs geht, kann sich offenkundig nur ein Teil der Bevölkerung auf das Gut der Meinungsfreiheit berufen. Landwirte scheinen nicht dazu zu gehören. Dies offenbart auch ein bemerkenswertes Demokratieverständnis des Autors, so Connemann in ihrer Beschwerde. Sie fragt die DIHK-Führung, ob die den berechtigten Anspruch an Sachlichkeit und Sorgfalt, den die DIHK sich für den Umgang mit Kammerbetrieben wünschen, hier gewährt sehen. "Können Sie es vertreten, dass der gute Name der Kammern, der hinter dem Ernst-Schneider-Preis steht, durch solche Entgleisungen befleckt wird?", zititiert die ISN Connemann.

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