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Erste Kennzahlen zum Therapieindex veröffentlicht

von , am
31.03.2015

Im Bundesanzeiger wurden am 31. März 2015 erstmalig die Kennzahlen für die Therapiehäufigkeiten in deutschen Tiermastbetrieben veröffentlicht. Nutztierhalter müssen laut Arzneimittelgesetz nun den Vergleich zu den eigenen Daten ziehen und - wenn nötig - Maßnahmen ergreifen.

Das Arzneimittelgesetz verlangt von Rinder-, Schweine-, Hühner- und Putenhaltern ab einer bestimmten Herdengröße künftig, dass sie ihre Betriebsdaten mit den bundesweiten Durchschnittswerten für den Therapieindex (Behandlungstage je Tierplatz in einem Halbjahr) vergleichen. Die ersten Vergleichsdaten dafür sind nun veröffentlicht.
 
Liegen die eigenen Ergebnisse über der sogenannten Kennzahl 2, sind die Betriebsleiter verpflichtet, innerhalb von vier Monaten gemeinsam mit dem bestandsbetreuenden Tierarzt einen Maßnahmenkatalog zur Therapie-Index-Senkung zu erarbeiten und bei der zuständigen Überwachungsbehörde einzureichen. Die Kennzahl 2 steht dabei für das 3. Quartil, eine statistische Maßzahl, welche von drei Vierteln aller erfassten Einzelwerte unterschritten wird. Wer also über diese Grenze kommt, gehört innerhalb seiner Tierkategorie zu den 25% deutschen Betrieben mit den häufigsten Antibiotika-Behandlungen.
 
Aber auch bei Überschreitung der Kennzahl 1 - des sogenannten Medians, der genau die Mitte aller erfassten Werte kennzeichnet - ist ein Landwirtschaftsbetrieb bereits zum Handeln verpflichtet. Betriebsleiter und Tierarzt müssen dann gemeinsam auf Ursachensuche gehen und - wenn nötig - Veränderungen im betrieblichen Ablauf umsetzen. Ein schriftlicher Maßnahmenplan ist hierfür allerdings nicht gefordert.

Was sagt der Therapieindex?

Der Therapieindex wird von heute an halbjährlich im Bundesanzeiger veröffentlicht. Gebildet wird er für jede Tier- und Nutzungsart anhand der Formel:
 
  • Anzahl der behandelten Tiere multipliziert mit der Anzahl der Behandlungstage
    dividiert durch die durchschnittliche Anzahl gehaltener Tiere pro Halbjahr
 
Ein Vergleich zwischen Tierkategorien oder eine Aufschlüsselung auf das Einzeltier ist damit nicht möglich. Ebensowenig werden Aussagen über die Art des Wirkstoffs getroffen.
 
Die ersten Therapieindex-Zahlen, die nun vorliegen, sind natürlich erst einmal sehr begrenzt interpretierfähig, da sie noch keine Entwicklung zeigen. Bislang kann nur jeder Nutztierhalter selber einschätzen, wie er im Vergleich zum deutschen Durchschnitt liegt.
 
Bemerkenswert zumindest erscheinen die Kennzahlen 1 für Mastrinder unter und über acht Monaten. Beide Werte liegen bei Null - mit anderen Worten: Die bessere Hälfte aller erfassten Unternehmen kam bei diesen Tieren komplett ohne Antibiotikabehandlungen aus. Das spricht für die Tiergerechtheit und das Herdenmanagement in der Mehrheit der Rindermastbetriebe, bedeutet aber auch, dass jeder Mäster, der im Erfassungszeitraum auch nur in einem Einzelfall ein Tier behandeln musste, nun zumindest seinen Tierarzt zum Gedankenaustausch bitten muss, um gemeinsam Schwachpunkte der Herdengesundheit zu analysieren. Andererseits gehört eine solche regelmäßige Standortbestimmung ohnehin zur guten fachlichen Praxis.
 Zumindest bei den älteren Mastrindern liegt auch die Kennzahl 2 im Minimalbereich. Wer im vergangenen Auswertungszeitraum bei 100 Tieren insgesamt mehr als 1,5 Behandlungen aufweist, muss daher schon einen schriftlichen Maßnahmenplan erarbeiten.
 
Auffällig ist die hohe Differenz zwischen der Kennzahl 1 und der Kennzahl 2 bei Ferkeln bis 30 kg. Während die Hälfte aller erfassten Betriebe mit weniger als fünf Behandlungstagen je Tierplatz im zweiten Halbjahr 2014 auskam, wies das schlechteste Viertel mehr als 26 Behandlungstage je Tierplatz aus. Auch wenn hier heftige Krankheitsausbrüche durch im Bestand bis dato fremde Erreger in ansonsten sehr gut geführten Betrieben eine gewisse Rolle spielen dürften, scheint es bei dieser Tierart einen vielversprechenden Ansatz für Verbesserungen zu geben.
 
Am höchsten liegen die Therapieindex-Vergleichszahlen bei Puten, gut 23 Behandlungstage je Tierplatz markieren hier den Mittelwert aller erfassten Daten und damit die Kennzahl 1. Die Kennzahl 2, über der immerhin noch 25% aller deutschen Putenmastbetriebe liegen, weist sogar mehr als 47 Behandlungstage innerhalb von sechs Monaten aus. Das heißt, im Durchschnitt wurden hier pro Tierplatz alle vier Tage Antibiotika verabreicht.

Veränderungen zeigen sich erst mit den nächsten Kennzahlen

Inwieweit das neue Arzneimittelgesetz und der Pflichtvergleich mit dem Therapieindex tatsächlich eine Wirkung auf den Antibiotikaverbrauch in der Nutztierhaltung haben, lässt sich frühestens bei Ausgabe der nächsten Kennzahlen abschätzen - möglicherweise sogar noch deutlich später, weil viele Maßnahmen nicht sofort umsetzbar sind oder unmittelbar greifen. Läuft alles nach Plan, werden die Zahlen allmählich nach unten gehen, aller Wahrscheinlichkeit nach zunächst eher gering, dann hoffentlich mit spürbarem Trend. Und erst bei einer deutlichen Abflachung der Kurve darf davon ausgegagngen werden, dass eine Art Talsohle der möglichen Antibiotika-Reduzierung erreicht ist, deren weitere Unterschreitung zulasten des Tierwohls gehen würde.
 
Eine Nulllinie ist zumindest bei der Kennzahl 2 kaum zu erwarten, weil Tiere auch bei bestem Herdenmanagement erkranken oder sich verletzen können. In diesen Fällen nicht zu behandeln, wäre unverantwortlich.
 
Die Veröffentlichung des BVL im Bundesanzeiger finden Sie hier als PDF zum Herunterladen.
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