Login
Aktuell

Interpretationsprobleme beim WWF-Report

von , am
01.10.2014

Der World Wide Fund For Nature (WWF) hat am gestrigen Dienstag seinen "Living Planet Report 2014" veröffentlicht. Die Zahlen sind alarmierend. Die Schwierigkeiten der deutschen Presse, sie korrekt zu interpretieren, aber auch.

Der WWF hat am 30. September seinen "Living Planet Report 2014" veröffentlicht, in dem er vor dem "Burn Out" der Ressourcen unseres Planeten warnt. Unter anderem sei das Tierleben betroffen, seit 1970 gebe es einen beunruhigenden Rückgang an Wirbeltieren, deren Ursache der Mensch sei.
 
Die deutsche Presse hat diese Warnung großflächig aufgegriffen. So schreibt Spiegel online: "Die Artenvielfalt geht derweil rapide zurück". Die taz sagt: "Die Anzahl der Tierarten weltweit habe sich seit 1970 halbiert, berichtete die Organisation." Und der Stern meint: "Mit Sorge sieht der WWF vor allem das Schrumpfen der Artenvielfalt: Die Zahl der Tierpopulationen hat sich zwischen 1970 und 2010 weltweit im Schnitt halbiert."
 
Das alles ist durchaus besorgniserregend, nur steht das so gar nicht im Bericht des WWF. Der nämlich wird auf der WWF-Homepage in einer Pressemitteilung folgendermaßen zitiert:
"Um die biologische Vielfalt war es noch nie so schlecht bestellt wie heute: Der Living Planet Index zeigt einen Rückgang um 52 Prozent für den Zeitraum von 1970 bis 2010. Im Durchschnitt hat sich die Anzahl der weltweit untersuchten Populationen damit halbiert. In den gemäßigten Klimazonen verringerten sich 6.569 Populationen der 1.606 erfassten Arten im Durchschnitt um 36 Prozent. Für die tropische Klimazone wird durchschnittlich ein 56-prozentigen Rückgang bei 3.811 Populationen von 1.638 Arten festgestellt."
 
Gemerkt? Beim WWF ist die Rede von biologischer Vielfalt, und die umfasst sowohl die verfügbare genetische Vielfalt innerhalb einer Art (gemessen in diesem Falle an der Anzahl der Individuen, was auch nicht so ganz korrekt ist, weil es die tatsächlichen genetischen Variationen innerhalb dieser Art nicht erfasst) als auch die Anzahl der Arten insgesamt. Folgerichtig deshalb die Feststellung, die Populationen (nicht die Anzahl der Arten) hätten sich halbiert (richtiger wäre wohl noch: Die Größe der Populationen hat sich halbiert). Es wurden für den Report lediglich Tierzahlen bei "repräsentativen Wirbeltierarten" geschätzt, keine Arten gezählt. Mit anderen Worten: Aus dem WWF-Bericht geht nicht hervor, ob sich "nur" die Kopfzahlen relativ häufiger Tierarten verringert haben oder ob vor allem extrem seltene Arten betroffen waren. "Der Report lässt dabei keine Rückschlüsse auf die Zahl ausgestorbener Arten zu", erklärt dazu die Berliner Zeitung, der im Gegensatz zu vielen anderen das Abschreiben bei Agenturen offenbar zu wenig war.
 
Damit sind die Zahlen immer noch alarmierend. Doch die Tatsache, dass offenbar gut die Hälfte der renommierten deutschen Tageszeitungen einen Report wie diesen nicht interpretieren kann (oder es für unnötig hält, Agenturmeldungen nachzurecherchieren), wirkt auch nicht unbedingt glücklich. Zur Ehrenrettung der Branche muss erwähnt werden, dass - neben der bereits genannten Berliner Zeitung - z.B. auch die Süddeutsche Zeitung richtig zitiert: "Der Mensch hat in nur vier Jahrzehnten die Zahl der Wirbeltiere um fast die Hälfte reduziert", heißt es dort.


Auch interessant