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Kommentar: Deutscher Tierschutzbund im Profilierungsmodus

von , am
09.07.2015

Die Uni Leipzig arbeitet erfolgversprechend an einer Technik zur Geschlechtsbestimmung für Küken im Ei. Das Bundesagrarministerium unterstützt das Projekt großzügig. Alle freuen sich über die Fortschritte. Nur der Deutsche Tierschutzbund findet das irgendwie nur so mittelmäßig akzeptabel. Und erklärt gleich nochmal, wer hier in Sachen Tierwohl das Sagen hat.

Lange, bevor das Küken schlüpft, soll künftig feststellbar sein, welches Geschlecht das Tier hat. © Melanie Bauer
Das Bundeslandwirtschaftsministerium verkündete heute in einer Pressemitteilung, dass für die Forschung zur Früherkennung des Kükengeschlechts im angebrüteten Ei noch einmal ordentlich Geld nachgeschoben wird. Bundesagrarminister Christian Schmidt überreichte der Uni Leipzig, die ein vielversprechendes technisches System entwickelt, Zuwendungsbescheide in Höhe von 1,17 Mio. Euro. Sein Ziel sei, "dass das Kükenschreddern 2017 aufhört", erklärte der Minister bei der Übergabe in Berlin.
 
Nun sollte man meinen, dass eine solche Pressemitteilung von allen Seiten begrüßt wird. Dem Bundesministerium ist es offenbar ernst mit der Absicht, das standardisierte Töten frischgeschlüpfter Legerassenhähne zu beenden - und damit eins der am stärksten umstrittenen Verfahren in der Landwirtschaft zum Auslaufmodell werden zu lassen.
Doch dem Deutschen Tierschutzbund gereichte die Ministeriumsmeldung zum willkommenen Anlass, Politik und Forschung unmissverständlich deutlich zu machen, wer hier in Sachen Tierschutz die positiven Fakten vermelden darf. Unter der reißerischen Überschrift: "Millionenfacher Kükenmord" erklärte Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder: "Ein Bundesminister, der selbst sagt, dass das Kükentöten gegen den Grundsatz des Tierschutzgesetzes verstößt, kann eigentlich nur ein Verbot aussprechen." Was man wohl so interpretieren darf, dass die praktische Umsetzbarkeit eines Verfahrens und das wirtschaftliche Überleben hiesiger Eierproduzenten in der Prioritätenliste der Tierschützer eindeutig hinter Ideologie und Propaganda rangieren.
Zwar begrüßte Schröder dennoch die Forschungen der Uni Leipzig, machte jedoch bereits im Folgesatz klar: "Wer jetzt aber glaubt, mit der technischen Lösung seien die Probleme der Legehennenhaltung beendet, der versucht nur, der Systemfrage auszuweichen." Der "Kükenmord" sei nur ein Kennzeichen einer "völlig aus dem Ruder gelaufenen Tierhaltung". Es sei Zeit, generell aus der Intensivproduktion auszusteigen und zu Zweinutzungsrassen zurückzukehren. Immerhin gebe es ja bereits vereinzelte Programme auf dem Markt, die mit Zweinutzungshühnern arbeiteten und die sogenannten "Bruderhähne", wenn auch unter Leistungsverlust, aufmästeten.
Eine Erklärung, wie bei einem generellen Ausstieg aus der Spezialrassenhaltung künftig der komplette hiesige Eierbedarf (anstatt nur eines Nischenmarktes) gedeckt werden solle, blieb der Tierschutzbund-Chef schuldig. Er verwies nur darauf, dass der Verbraucher seinen Konsum eben reduzieren müsse. Anbetracht der Tatsache, dass "versteckte" Eier in verarbeiteten Produkten schon heute in großen Mengen aus dem außereuropäischen Ausland bezogen werden, wo Tierschutzfragen kaum oder gar keine Rolle spielen, ist das ein wenig realitätsbezogenes (und wenig tierfreundliches) Konzept.
 
Der Deutsche Tierschutzbund gehört seit vergangener Woche zum Beraterausschuss der Brancheninitiative Tierwohl. Vorher hatte der Verein vor allem die "ungenügenden Kriterien" der Initiative kritisiert und die eigene "langjährig erworbene Expertise" in die Waagschale geworfen. Das heutige Statement hinterlässt allerdings arge Zweifel, dass von einer Mitarbeit Schröders und seiner Mitstreiter an der Brancheninitiative mehr als eine Profilierung der Tierschützer zulasten der Agrarbranche zu erwarten ist.
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