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Kommentar: Wenn Interessenverbände den Milchmarkt entlasten wollen ...

von , am
02.10.2015

Die Milcherzeugerpreise in Deutschland sind seit Monaten unterirdisch. Das bedroht den Wirtschaftszweig. Doch die Forderungen, die 21 Verbände in einem offenen Brief an Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt stellen, sind keine Lösung. Sie zeigen nur erneut, dass so manchem jede Situation recht ist, die eigenen Interessen durchzudrücken.

Strohdiät als Lösung für die schlechten Milchpreise? © Sabine Leopold
"Die Exporte zu Niedrigpreisen nehmen weiter zu. Schon heute sehen wir, dass viele Viehhalter in Afrika, dem größten Absatzmarkt für Milchpulver, um ihre Existenz kämpfen. Daher muss es belohnt werden, wenn Bauern jetzt die Milchmenge verringern, zum Beispiel indem sie ihren Kühen weniger Importsoja zu fressen geben." Das schreibt der Teamleiter für Welternährung der Organisation Germanwatch, Tobias Reichert, in einem Kommentar zu einem offenen Brief an den deutschen Landwirtschaftsminister Christian Schmidt. Das Schreiben soll anlässlich der Agrarministerkonferenz vor einem "Strukturbruch" in der hiesigen Milcherzeugung warnen. Und Tierschutzbund-Chef Thomas Schröder erklärt: "Billigpreise für tierische Produkte senken das Tierschutzniveau in den Ställen. Die Politik ist in der Pflicht, [...] die Milchmenge auf EU-Ebene zu reduzieren. Für uns heißt Reduktion der Milchproduktion dann konsequenterweise Reduktion pro Kuh - also kurzfristig Umstellung der Fütterung und langfristig eine Abkehr von der Hochleistungszucht [...]".
 
Beide Statements lassen sich grob zusammenfassen: Egal, um was es geht, ein geschickter NGO-Funktionär schafft es stets, die eigenen (spendenträchtigen) Interessen mit dem aktuellen Problem zu verbinden. Denn was Tobias Reichert beispielsweise als Vertreter einer Organisation "für globale Gerechtigkeit" wissen müsste - aber verschweigt - ist, dass weit über 90% der afrikanischen Viehhalter pure Subsistenzwirtschaft betreiben, bei der Milchpulverimporte herzlich egal sind. Dass sie dafür allerdings unter den Folgen des Klimawandels leiden, weil nach Jahren ohne Regen auch das widerstandsfähigste Vieh in der Dürre krepiert. Dass forcierte Leistungsabsenkungen die Klimabilanz von Milchkühen in die Höhe treiben und damit mittelfristig den Klimawandel (und damit die Hauptursache für den Ruin afrikanischer Milchproduzenten und den Hunger in vielen Gebieten) anheizen. Dass die Versorgung der Bevölkerung in den Subsahara-Regionen mit Milch dann nur noch mit importiertem Pulver gelingen kann - das allerdings auch gern die Neuseeländer in afrikanische Dürregebiete liefern. Und schließlich, dass Afrika mitnichten der "größte Absatzmarkt für Milchpulver" ist, selbst, wenn man einfach den ganzen Kontinent zusammenfasst und dem wirklichen Hauptimporteur China gegenüberstellt. Afrikas Import beläuft sich zusammengerechnet auf rund 14% der auf dem Weltmarkt gehandelten Milchprodukte, der weitaus überwiegende Teil davon geht nach Nordafrika - also nicht in die notleidenden Subsahara-Länder, um die es in Reicherts Vorwürfen geht. China allein importiert dagegen etwa 19% der Milch auf dem globalen Markt (vornehmlich in Form von Milchpulver), und Asien als Kontinent kommt insgesamt auf satte 60%. Zumindest das sollte ein Welternährungsexperte im Schlaf herunterbeten können.
Nicht wissen muss ein studierter Volkswirt vielleicht, dass es fachlicher Unfug wäre, Landwirte dafür zu belohnen, wenn sie ihre Tiere nicht mehr bedarfsgerecht füttern. Wie soll das gehen? Wer sein Vieh im Body Condition Score einen Punkt runterhungert, bekommt eine Prämie? Und für Stoffwechselkranke gibt's noch was oben drauf - Ketose-Sonderausschüttung sozusagen?
 
Noch hanebüchener sind allerdings die Forderungen vom Präsidenten des Deutschen Tierschutzbundes. Schröder, immerhin Mitglied im Kompetenzkreis Tierschutz der Bundesregierung, sollte über die Lebewesen, die seine Organisation behüten möchte, eins wissen: Man muss sie bedarfsgerecht versorgen, wenn sie gesund bleiben sollen. Jeder weiß wohl, dass ein Hochleistungssportler krank wird, wenn er sich unzureichend ernährt. Wer keine Spitzenleistungen mehr bringen will oder soll, muss über lange Zeit sorgsam abtrainiert werden und seine Ernährung langsam umstellen. Im Kuhstall aber fordert der Tierschutzbund, einfach mal das Kraftfutter wegzulassen und die Kühe auf die Weide zu treiben, damit der Milchmarkt zügig entlastet werden kann.
Die Erklärung allerdings, inwieweit das die wirtschaftliche Situation der hiesigen Milchviehhalter verbessern soll, bleibt Schröder seinem Publikum schuldig. Weniger Milch in Deutschland verändert die Weltmarktpreise höchstens marginal. Also neben einer neuen Quote auch gleich mal Marktabschottung?
Regelrecht empörend ist schließlich Schröders Aussage, dass die Billigpreise das Tierschutzniveau in deutschen Milchviehställen "senkten". Wie stellt der Tierschutzbundboss sich das vor? Dass Landwirte in bestehenden modernen Ställen aus Kostengründen weniger auf Hygiene und Klima achten? Dass sie die Tränken abdrehen oder die Kuhmatratzen aus den Liegeboxen räumen? Oder dass sie ihre Tiere nicht mehr richtig füttern? Ach nein, halt: Genau letzteres propagiert Schröder ja mit seinen Leistungssenkungsempfehlungen. Und genau da liegt der Punkt, sehr geehrter Herr Tierschützer: Die Leistung von Milchkühen geht am zuverlässigsten runter, wenn die Tiere sich nicht mehr wohlfühlen. Landwirte wissen und verhindern das.
 
Am bedenklichsten bei diesem offenen Brief ist allerdings etwas ganz anderes. Von Volks- (Reichert) und Kommunikationswirten (Schröder) kann man vielleicht nicht erwarten, dass sie sich mit tierphysiologischen Zusammenhängen und landwirtschaftlicher Ökonomie auskennen.
Doch unterschrieben haben den offenen Brief neben Greenpeace, diversen Tier- und Umweltschutzverbänden, der allgegenwärtigen "Agrarexpertin" Sarah Wiener und einem Bäcker-Verein unter anderem auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), der Berufsschäferverband, Demeter und die Agrar Koordination, ein Verband, der sich angeblich der Öffentlichkeitsarbeit für landwirtschaftliche Themen verschrieben hat, bei genauerem Hinsehen aber lediglich Materialien für kleinbäuerliche Biowirtschaft und gegen moderne Technologien im Agrarbereich vertreibt.
Für diese Unterstützer geht es - wie immer - vor allem um eins: Den Kampf gegen größere Betriebe, gegen wachstumsbereite Landwirte, gegen eine stabile Nahrungssicherung in wettbewerbsfähigen Strukturen. Mit ihren landwirtschaftlichen Namen suggerieren sie allerdings dem Verbraucher erneut, dass die deutsche Landwirtschaft - abgesehen von einigen industriell organisierten Tierquälern und Flächenvergiftern - mehrheitlich hinter Quotenforderungen und Regelungswahn steht. Und im Januar, das lässt sich bereits jetzt weissagen, werden alle Unterschriftenleister wieder gemeinsam mit militanten Tierschützern und veganen Weltrettern in Berlin skandieren: "Wir haben es satt".
Stimmt. Zu satt.
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