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Leserbrief an die Berliner Zeitung

von , am
22.04.2015

Die ungerechtfertigten Vorwürfe, mit der die VW-Autostadt GmbH ihr kulinarisches Angebot begründet, haben deutschlandweit Landwirte auf die Barrikaden gebracht. Milch sei mit jeder Menge Medikamenten belastet, Fleisch voller Hormone und Anabolika. Und die Landwirtschaft sei einer der größten Ressourcenverschwender hierzulande. Auch die Berliner Zeitung hat das Thema aufgegriffen und daraus einen hämischen Artikel gegen die uneinsichtige "Agrar-Lobby" geschneidert. Zeit für einen offenen Leserbrief.

Die "Berliner Zeitung" hat am 21. April den Landwirteprotest gegen die Unterstellungen der Autostadt GmbH aufgegriffen. Die Volkswagen AG behauptet auf der Website ihres Freizeitparks, wer sich gesund ernähren wolle, müsse mindestens Bioprodukte verzehren, besser noch fleisch- oder gleich ganz tierproduktlos essen, sonst setze er sich gesundheitlichen Gefahren durch Hormone, Antibiotika, Wurmmittel, Anabolika etc. aus.
Leider war dem Redakteur der "Berliner", Bernhard Honnigfort, wohl die Mühe zu groß, sich eingehender mit der Materie zu befassen oder sogar mal einen Landwirt zum Thema zu befragen. Sein sinngemäßes Fazit daher: Die uneinsichtige Bauernlobby stemmt sich gegen Umweltschutz und gesunde Ernährung.
Der agrarmanager hat sich deshalb mit einem Leserbrief an die "Berliner Zeitung" und den Autor des Artikels gewandt. Bislang gibt es dazu - außer einer Eingangsbestätigung - keine Reaktion. Deshalb veröffentlichen wir diesen Brief hier noch einmal:
 
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Er liest sich launig, der Artikel "Vegan-Wagen". Deutsche Bauern sperren sich mal wieder gegen gesunde Ernährung, Umwelt- und Tierschutz und protestieren - wider jede Vernunft - gegen das vegane Angebot der Restaurants in der VW-Autostadt.
Der Beitrag hat sich sicher flott schreiben lassen, so durch die "Mal-wieder-die-Lobby"-Brille. Gut getan hat die laxe Recherche seiner Seriosität nicht. Denn mit ein bisschen mehr Hinterfragen (oder gar einem Gespräch mit Landwirten, was allerdings gerade für viele Großstadtjournalisten ein geradezu undenkbarer Schritt zu sein scheint) hätte sich herausfinden lassen, dass die Vorwürfe hiesiger Landwirte sich gar nicht gegen vegane Ernährung wenden, sondern ausschließlich gegen die Argumente, die die Autostadt GmbH auf ihrer Website für das Konzept "vital - vegetarisch - vegan" ins Feld führt.
 
Drei Beispiele:
 
"Andererseits schluckt die Landwirtschaft enorme Mengen an Rohstoffen, Energie und Fläche." - Die Landwirtschaft "schluckt" keine Flächen, sie versiegelt sie nicht einmal, wie Industrie und Städtebau das tun. Sie verwendet sie zur Produktion von Nahrung, Biomasse und Sauerstoff. Also zu dem, wozu auch die Natur sie nutzt. Angesichts der Fläche, der Energie und der Ressourcen, die allein ein Freizeitpark wie die Autostadt bindet (von Autoproduktion und Individualverkehr nicht zu reden), ist dieser Vorwurf umso hanebüchener. Essen muss jeder. Autofahren oder VW-Werke besichtigen nicht.
 
"Biofleisch ist gesünder [...] Der [Bio-]Landwirt darf nur natürliche Dünger und Pflanzenschutzmittel zur Futterherstellung verwenden, so dass Biofleisch keine gesundheitsschädlichen Rückstände wie Anabolika, Antibiotika oder Hormone enthält. Der Einsatz von Tiermehl ist streng verboten und BSE somit kein Thema." - Egal, ob ein Landwirt natürliche Dünger und Pflanzenschutzmittel verwendet oder auch auf industriell herstellte zurückgreift: Keins dieser Mittel enthält normalerweise Anabolika, Antibiotika oder Hormone. Zwar können die beiden letzteren (Anabolika sind streng untersagt) in tierischen wie menschlichen Exkrementen enthalten sein, in die Futterpflanzen gelangen sie jedoch nicht, das ist vielfach nachgewiesen. Zudem sind Exkremente eben jener natürliche Dünger, der auch im Bio-Bereich verwendet wird. Den weitaus höchsten Hormoneintrag in die Umwelt steuert übrigens der Mensch bei: Schweine und Kühe bekommen keine "Pille".
Noch irreführender ist die Aussage, dass Bio-Bauern kein Tiermehl verfüttern dürfen. Das darf seit 2001 kein Nutztierhalter in Deutschland, infolge der BSE-Ausbrüche wurde jede Tiermehlverfütterung eingestellt. Wenn also überhaupt jemals BSE über tierische Nahrung übertragen wurde, so ist das heute in keinem deutschen Produkt mehr "Thema".
VW unterstellt hier konventionellen Landwirten Gesetzesbrüche und Gesundheitsgefährdungen bis hin zur Körperverletzung … oder hat schlicht keine Ahnung von der Rechtslage.
 
"Tierische Milch enthält alle Medikamente, mit denen das milchgebende Tier behandelt oder gefüttert wurde: Antibiotika, Wurmkuren. Diese werden im Darm nicht aufgeschlossen und gelangen teilweise direkt ins Blut." - Kurz: Nein, das tut sie nicht. Zunächst einmal geht nicht automatisch jeder Wirkstoff, mit dem eine Kuh, ein Schaf oder eine Ziege behandelt werden, in die Milch. Die sogenannte Blut-Milch-Schranke im Euter verhindert das.
Muss ein milchgebendes Tier dennoch mit einem Medikament behandelt werden, bei dem ein Eintrag in die Milch nicht ausgeschlossen werden kann, gibt es für die Mittel Wartezeiten, die verhindern, dass Lebensmittel wie Milch, Fleisch oder Eier belastet werden. Landwirte halten sich strikt an diese Vorgaben, denn Milch ist eins der am schärfsten kontrollierten Lebensmittel, und bei einem Antibiotika-Nachweis, selbst dem winzigsten, drohen harte finanzielle Einbußen bis hin zum längerfristigen Lieferstopp. Die Behauptungen sind also schlicht völlig aus der Luft gegriffen und lassen sich nur entweder durch absolute Ahnungslosigkeit oder bösen Willen begründen.
 
Das, sehr geehrter Herr Honnigfort, ist es, wogegen deutsche Bauern Sturm laufen: Gegen die Verunglimpfung ihres Berufes und der wertvollen Lebensmittel, die sie herstellen, und gegen die pauschale Unterstellung krimineller Machenschaften. Jeder Landwirt, der sich in den letzten Tagen zu diesem Thema geäußert hat, hätte Ihnen das gern erklärt.
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Wir sind sehr gespannt, ob (und wenn ja, in welcher Form) die "Berliner Zeitung" diesen Brief abdruckt und werden Sie auf dem Laufenden halten.
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