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Ausgabe November 2013

Die Angst vor Fremdbestimmung

von , am
30.10.2013

Die Angst vor der Hilflosigkeit treibt zunehmend auch den Verbraucher bei der Beurteilung seiner Lebensmittel um. Das Essen, das er täglich auf dem Tisch hat, wird scheinbar zur Bedrohung. Wie kommt das?

Vor ein paar Tagen erzählte mir meine Bankberaterin von ihrer Flugangst. Ihr Sohn ist nach Japan ausgewandert, und ein Besuch der Eltern scheitert seit fünf Jahren an der Tatsache, dass man dabei um eine Flugreise nicht herum kommt. Komischerweise, sagt die Frau, habe sie gar nicht wirklich Angst abzustürzen. Es sei vielmehr das Gefühl des Ausgeliefertseins, das sie in so einem Metallvogel in Panik versetze.    

Diese Geschichte hat mehr mit Landwirtschaft zu tun, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Denn die diffuse Angst vor der Hilflosigkeit treibt zunehmend auch den Verbraucher bei der Beurteilung seiner Lebensmittel um. Das Essen, das er täglich auf dem Tisch hat, wird scheinbar zur Bedrohung. Wie kommt das?
 
Ein Grund für dieses wachsende Misstrauen dürfte die Informationsflut sein, die jeden von uns tagtäglich überschwemmt. Wir haben gelernt, alles anzuzweifeln und immer das Schlechteste zu unterstellen, denn jede neue Erkenntnis zieht fast unweigerlich Proteste und Gegendarstellungen nach sich. Doch was da als Aufklärung daherkommt, ist oft nur scheinbar ein Wissenszuwachs. In Zeiten von Facebook, Twitter und Co. lassen sich Informationen kaum noch verifizieren. Stehen wir also selbst bei einem Thema nicht "im Stoff", entscheidet nicht selten die Aufmachung (und die Lautstärke) der jeweiligen Meinung, ob wir sie glauben oder nicht. Dieser Mechanismus betrifft uns alle, nur das spezifische Wissen und damit der Angstauslöser unterscheidet sich von Mensch zu Mensch.

Dennoch leben wir gleichzeitig in einer Welt, in der immer mehr Menschen das Risiko bewusst suchen. Extremsport und Freizeitabenteuer boomen wie selten zuvor. Wieso also ist mancher geradezu süchtig nach dem Kick beim Bungee Jumping und macht sich Sorgen um seine Gesundheit beim Apfel danach? Warum fahren Raucher für einen Liter Milch zum Biomarkt? Die Antwort liegt in der Freiwilligkeit. Solange der Mensch das Gefühl hat, selber zu entscheiden, kann ein bewusst eingegangenes Risiko eine aufregende Option sein. Die Achterbahn im Freizeitpark kann man kreischend genießen - oder links liegen lassen, wenn einem nichts am Fliehkraft-Kick liegt. Essen aber muss jeder. Jeden Tag. Und die wenigsten können das, was sie verzehren, im Bedarfsfall selber erzeugen. Also bleibt für viele das unbehagliche Gefühl, auf Gedeih und Verderb dem Produzenten (und seiner möglichen Nachlässigkeit oder Profitgier) ausgeliefert zu sein.

Gegen diese Entwicklung lässt sich schwer gegenhalten, denn jede neue Information wird wiederum als Lobbyismus oder Manipulation beargwöhnt. Das größte Problem jedoch sind die Kräfte, die die Verbraucherängste bewusst anheizen. Ob es sich nur um den klickssammelnden Wichtigtuer im sozialen Netzwerk handelt oder um professionelle Spendeneinwerber - der Schaden, den diese Leute anrichten, ist enorm. Den Diffamierten bleibt bestenfalls die geduldige Argumentation. Und am Ende oft nur noch Fatalismus und die Anpassung an die Verbraucherwünsche, seien sie mitunter noch so ideologiegesteuert und schwer nachvollziehbar. Denn leider hat der Landwirt meist noch weniger Wahl als der Verbraucher. Letzterer kann von einem Tag auf den anderen Produkte boykottieren. Agrarbetriebe dagegen müssen verkaufen, was aktuell im Stall und auf dem Feld steht - und tragen dabei stets ungefragt das Risiko, dass ihr Erzeugnis Zielscheibe der nächsten "Aufklärungsaktion" wird.
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