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Aufs Korn genommen

Aufs Korn: Augen zu und durch

von , am
27.03.2013

Was hilft gegen Gespenster? Richtig: Augen zu! Zumindest, wenn man drei ist und sich im Dunkeln fürchtet. Erwachsene, so sagt man, setzen sich mit ihren Angstgegnern auseinander, um zu sehen, ob da wirklich ein Monster lauert. Aber für manchen ist Augenzuhalten wohl doch zuverlässiger. Denn was man nicht sieht, das gibt es nicht.

Wissen Sie noch, wie das war? Damals, mit drei? Wenn das Monster unter dem Bett verschwinden sollte oder das Gemüse auf dem Teller ... was half da zuverlässig? Richtig: Augen zuhalten! Denn mit drei weiß man eines von der Welt ganz gewiss: Was man nicht sieht, das ist nicht da.
 
Im Laufe der Jahre werden dann die Vermeidungsstrategien meist etwas diffiziler - und weniger funktionssicher. Bis man sich am Ende mit Monstern und Gemüse arrangiert und dabei nicht selten erstaunt feststellt, dass sie auch ihre nützlichen Seiten haben - oder schlichtweg gar nicht existieren. Das nennt sich Erwachsenwerden und es trifft irgendwann jeden.
 
Aber keine Bange, auch dagegen gibt es ein probates Mittel: die Gruppendynamik. Selbst die ernsthaftesten Menschen werden irgendwie komisch im richtigen personellen Umfeld. Sie wissen schon: So was wie Kegelclubs, Karnevalsvereine, Parteifraktionen.
 
Ein lustiges Völkchen letzterer Kategorie regiert seit Januar im Hannoverschen Landtag mit und kämpft seitdem tapfer gegen zu viel Realität im Alltag. Denn kaum hatten die niedersächsischen Grünen den Sprung von der Oppositions- auf die Regierungsbank gewuppt, besannen sie sich eines ihrer Lieblingsmonster: der Grünen Gentechnik. Ein scheuer Blick durch die klammen Finger genügte ... Jawoll, da war es wieder!
Doch nicht unterm Bett, wie früher. Inzwischen ist nämlich auch das Monster erwachsen geworden und hat sich nach draußen gewagt. Unter dem Namen HannoverGEN geistert es seitdem durch den Lehrplan einiger niedersächsischer Modellschulen.
 
Dort gibt es seit knapp fünf Jahren Labore, wo interessierte Oberstufen-Schüler Molekulargenetik und Gentechnik nicht nur in der grauen Theorie büffeln, sondern auch in praktischen Kursen üben. Finanziert wird das Projekt zu rund 60% von der Stiftung "Zukunfts- und Innovationsfonds Niedersachsen" unter Obhut des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums. Dazu kommen Mittel aus dem Landwirtschafts-, dem Wissenschafts- und dem Schulressort. Und etwa 10% der insgesamt 1,16 Mio. Euro spendieren KWS und der Verband der chemischen Industrie.
Die beiden Letzteren, das darf man ruhig vermuten, tun dies nicht ganz uneigennützig. Denn es liegt natürlich durchaus im Interesse der Unternehmen, dass junge Leute ein bisschen mehr über Gentechnik lernen als die übliche Standard-Polemik. Was ja auch ganz allgemein nicht so übel ist. Wissen ist Macht und so.
 
Aber da hatte das schreckliche Monster HannoverGEN die Rechnung ohne die neue niedersächsische Regierung gemacht ... Soweit käm's ja noch: Mit Wissen gegen Vorurteile. "Lobbywirtschaft!" schleuderte der eben ins Amt gekommene grüne Agrarminister Christian Meyer seinem alten Angstgegner entgegen - und verkündete kurzerhand das Ende der öffentlichen Projektfinanzierung und die Schließung der Labore zum Ende dieses Schuljahres. Er erntete damit nicht nur Protest von Seiten der alten Regierung, der Industrie und der niedersächsischen Lehrerschaft. Auch betroffene Schüler machten sich - vor allem auf Facebook - Luft: "Es ist ja nicht so", schrieb einer verärgert, "dass uns gezeigt wird, was man mit Gentechnologie alles 'Tolles' machen kann, uns wird lediglich gezeigt, was Gentechnik überhaupt ist."
 
Genau das aber geht den rot-grünen Monsterjägern schon zu weit. Abscheuliche Biester verlieren so schnell an Bedrohlichkeit, wenn man sie ein bisschen genauer betrachtet. Also fix die Hände vors Gesicht. Denn was man nicht sieht, das gibt es nicht. Wissen ja schon Dreijährige.
 
Sabine Leopold
 
 
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