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Ausgabe Februar_2015

Aufs Korn: Charakter-Fracking

von , am
31.01.2015

In Deutschland wird mal wieder viel demonstriert. Montagsdemos und Wutbürgeraufläufe voller Misstrauen und Verschwörungsgeschwurbel, die vor allem eins zeigen: Egal, ob "PEGIDA" oder "Wir haben es satt" - es ist leicht, gegen etwas zu sein, wenn man selbst keine Lösungen anbieten muss.

Und da war sie wieder, die alljährliche "Wir haben es satt"-Protestdemo der aufrichtig Entrüsteten. Dieser mit ermüdender Zuverlässigkeit stattfindende Marsch, veranstaltet von einem lustigen Trupp aus Anti-Bewegten: Anti-Atom, Anti-Gentechnik, Anti-Massentierhaltung, Anti-Freihandel und Anti-Antibiotika, soll der Branche vor allem eines klarmachen: "Wir trauen euch Landwirten nicht, wir wissen, das ihr was im Schilde führt. Niemals seid ihr in der Lage, unser Essen so zu erzeugen, wie wir es haben möchten."

Die Branche überlegt inzwischen, auf diese ewigen Anfeindungen nicht länger mit wahlweise Schweigen oder Rechtfertigung zu reagieren. Sondern Stellung zu beziehen, und zwar ganz nüchtern und pragmatisch. Etwa so, wie es die österreichischen Kollegen im Vorjahr gemacht haben, die einfach Spritzfenster am Feldrand gelassen und dort Schilder aufgestellt haben: "Ohne Pflanzenschutz keine Ernte". Das Ergebnis muss beeindruckend gewesen sein, es gab jedenfalls landesweite Debatten darum.
Stellen wir uns kurz vor, solche branchenübergreifenden Misstrauensvoten griffen um sich. Patienten in Zahnarztpraxen halten Onkel bzw. Tante Doktor Protestplakate unter die Nase: "Schluss mit der Patienten-Quälerei". Oder Autokäufer demonstrieren in Wolfsburg zu Zig-Tausenden mit inbrünstigen Sprechchören: "Nieder mit der industriellen Autoproduktion". Klingt irre, aber manchmal ist die Realität sogar noch verrückter als überdrehte Kolumnenschreiber. Als ich zum Beispiel zum ersten Mal den Begriff PEGIDA ausgeschrieben gesehen habe, musste ich sehr laut und herzlich lachen. Etwas, das "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" hieß, konnte schließlich nur ein Witz sein. Seitdem warte ich darauf, dass irgendein Comedian, der mal wieder in die Schlagzeilen wollte, um die Ecke biegt und zugibt, PEGIDA erfunden zu haben. In etwa so: "Tschuldigung Leute, mir ist das irgendwie ein bisschen entglitten, ich konnte ja nicht ahnen, dass ihr den Schwachsinn so ernst nehmt". Mal ehrlich, wann haben Sie das letzte Mal außerhalb eines Märchenbuchs das Wort Abendland wahrgenommen?

Nun lässt dieses Outing schon ziemlich lange auf sich warten und ich verfolge staunend die Zeitungsberichte oder auch den genial entlarvenden Filmbeitrag des getürkten - schönes Wortspiel in diesem Zusammenhang, oder? - Russia-Today-Reporters Carsten van Ryssen in der heute show (übrigens sehr einfach in der ZDF-Mediathek nachzusehen). Die dort präsentierten schaurigen Ansichten haben mich aus irgendeinem Grund an Fracking erinnert: Bei diesem Verfahren werden ja unter Druck und Zugabe fragwürdiger chemischer Substanzen tief im Untergrund gebundene Ablagerungen gelöst und zutage gefördert. Mit unappetitlichen Nebenwirkungen für Gesellschaft und Umwelt.
Beim Dresdner Charakter-Fracking, sicher ebenfalls durch Druck und möglicherweise auch chemische Substanzen ausgelöst, äußern sich die Nebenwirkungen zum Beispiel in gemeinschaftlichem Brüllen des Slogans "Wir sind das Volk". Hier würde ich gern entgegnen: "Nein, ihr Lieben, das seid ihr nicht". Wenn ich kurz daran erinnern darf, stammt dieser Slogan von Menschen, die vor einem Vierteljahrhundert ihre nichtsnutzige Regierung mit ebenjenen Worten davongejagt und anschließend - nicht mit jedermanns Einverständnis, aber quasi nach Mehrheitsentscheidung - als 16 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge um Aufnahme im Nachbarland ersucht haben. Taugt also nicht wirklich zur Legitimation von Flüchtlingsablehnung. Ach, und übrigens, liebe PEGIDA-Freunde, falls ihr vor lauter Protest nicht zum Recherchieren gekommen seid: In Sachsen liegt der Ausländeranteil derzeit bei 2,5 % (Quelle: Statistisches Bundesamt). Und der Anteil der Muslime bei 0,1. Das ist wirklich nicht sehr viel. Muss man echt keine Angst vor Überfremdung haben.
Sie fragen, was das mit eingangs erwähnter "Anti"-Demo zu tun hat? Nun, hier wie da geht es nicht um die Lösung von Problemen, sondern es werden völlig überzogene Feindbilder als Drohkulisse präsentiert. Da fällt mir die Aktion der Österreicher ein: Stellung beziehen. Gegen Diffamierung und Intoleranz. Jetzt erst recht.
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