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Aufs Korn genommen

Aufs Korn: Da draußen

von , am
29.05.2013

Gehen Sie manchmal raus? Also so richtig nach draußen? Dann sind sind hoffentlich gut gerüstet, denn Outdoor verlangt selbstverständlich Outdoor-Kleidung. Wer sich mit Jeans und T-Shirt vor die Tür wagt, hat die Gefahren des "Draußenseins" wohl noch nicht erkannt ...

Der wahrscheinlich häufigste Dialog in amerikanischen Filmen geht so: Er (grimmig) "Ich geh da jetzt raus!". Darauf sie (mit angsterfülltem Blick): "Pass auf dich auf, Schatz!". Ich weiß nicht, ob Sie von Ihrem Lebenspartner jeden Morgen so verabschiedet werden. Aber angesichts der Gefahren, die vor der Tür lauern, wäre das durchaus angebracht. Da ich Grund zu der Annahme habe, dass viele von Ihnen die Fährnisse des „Draußen“ erheblich unterschätzen, will ich Sie ein bisschen für das Thema sensibilisieren.
 
Ich gebe zu, früher war ich auch sorglos. Habe einfach die Tür aufgemacht und bin "da raus" gegangen. Für ganze Tage manchmal, meist mit wenig mehr als Hose und T-Shirt bekleidet. Ja, sogar heute noch passiert es mir, dass ich in Ausübung meiner Arbeit "draußen" bin - und meine Ausrüstung nicht vollständig ist.

Glaubt man der gewöhnlich gut informierten Werbebranche, dann ist das "Draußen" - oder auch "Outdoor", wie die Experten sagen - ein gefährlicher Ort. Voll unvorhersehbarer Bedrohungen - wogegen mitfühlende Hersteller dankenswerterweise eine Vielzahl ausgefeilter Innovationen anbieten. Ich muss ja gestehen, dass ich für das umfassende Verständnis des Themas recht lange brauchte. Die Existenz von Outdoor-Handys und Outdoor-Kameras zum Beispiel fand ich bis vor Kurzem extrem lächerlich. Auch der Begriff Outdoor-Schuhe ist irgendwie unglücklich gewählt, es kommt ja doch häufiger vor, abgesehen vom recht kleinen Segment der Indoor-Schuhe, dass man Schuhe mit nach draußen nimmt. Doch inzwischen habe ich gelernt, es geht hier um viel mehr als um bloße Wetterfestigkeit und Robustheit. Es geht um Hightech. Darum, einer lebensfeindlichen Umwelt zu trotzen. Und natürlich darum, dass wir uns von hochgestochenen Werbebotschaften nur zu gerne beeindrucken lassen. Die dann auch unbedingt englisch sein müssen.
 
Warum sonst sollte ein Textilmaterial STORMLOCK HYPROOF SMOOTHLIGHT oder TEXAPORE O3 SMOOTHLIGHT SOFT­SHELL heißen. Und was erwarten Sie, wenn Sie lesen: "die HIGH VOLTAGE beeindruckt mit einer Wassersäule von 20.000 mm und einer außer­gewöhnlichen Atmungsaktivität (MVTR: 30.000 g/m2/24 h)". Eine Jacke, was sonst!

Eigentlich reden wir ja hier von Bekleidung, die zu geschätzten 90% in der Großstadt getragen wird (der fast komplette Rest mit einer gewissen Berechtigung an der Küste). Denn: Vorreiter beim "Outdoorisierungs"-Trend ist meiner Beobachtung nach die ganz eigene Spezies des urbanen "Wilderness-Survivors", also Leute, die sich nicht einmal den Gefahren einer städtischen Grünanlage ohne Schutzkleidung aussetzen mögen. Zwanzig Meter Wassersäule, man kann ja nie wissen.
 
Nun könnte die beschriebene "HIGH VOLTAGE"-Jacke sicher auch einen Landwirt vor Regen schützen. Wobei das eine Arbeitsjacke zum halben Preis natürlich auch tut, sofern der Landwirt auf das schöne Logo verzichten mag. Denn es ist ja so, dass der Namensvorsatz "Outdoor" und ein hübsches Logo den Hersteller dazu berechtigen, den Preis eines Produktes zu verdoppeln. Was vor allem der Großstadt-User durchaus schätzt, weil es ihm einen gewissen Exklusivitätsvorsprung verschafft. Ist er dann von der Funktionssocke bis zur Outdoormütze "Columbia Silver Ridge Bucket II" bekleidungstechnisch auf dem richtigen Niveau, dann kann so langsam das technisch-technologische Equipment nachgerüstet werden. Auch hier gibt es viel mehr zu entdecken, als der Laie ahnt. Online-Portale wie www.outdoorchannel.de führen Listen, welche unentbehrlichen Outdoor-Gadgets jeder mitzuführen hat, der zu einem längeren Spaziergang aufbricht. Da wäre z.B. der unverzichtbare Alpine Pfannenwender und natürlich der wasserdichte Klorollenhalter T-Pack oder für den gehobenen Anspruch: Handpresso Wild Hybrid - die Outdoor-Espressomaschine für schlappe 100 Euro.
 
Angesichts all dieser bahnbrechenden Produkte fragen Sie sich nun wahrscheinlich, wie Sie früher Ihre Arbeit gemacht haben. Ihnen ist sicher schon aufgefallen, dass Teile des Landwirtsberufes outdoor stattfinden? Und Sie laufen einfach so im T-Shirt übers Feld? Denken Sie mal drüber nach.
 
Catrin Hahn
 
 
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