Login
Ausgabe März 2014

Aufs Korn: Der Feind meines Feindes

von , am
28.02.2014

"Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los" - Goethes Zauberlehrling ertrank fast in den Wassergüssen der von ihm verhexten Besen, bis ihm die Erkenntnis dämmerte, dass nicht jeder Zweck die Mittel heiligt und man manchen unliebsamen Helfer später so leicht nicht wieder los kriegt. Und einige haben's bis heute nicht gelernt.

Da waren sie also wieder, die "Dagegner" - vollversammelt, plakatbewaffnet und politisch korrekt empört über alles, was in unserer Welt nicht den (individuellen oder mehrheitsfähigen) Idealvorstellungen entspricht. 30.000 "Wutbürger" hatten Campac, Greenpeace, BUND, PeTA und wie sie alle heißen, nach eigener Zählung am ersten Grüne-Woche-Samstag vor dem Kanzleramt versammelt.
 
Praktischerweise (man weiß ja nie, wie das Wetter wird und ob Weltretter bei Schneetreiben vor die Türe gehen) bot die Demo "Wir haben es satt" eine Plattform für nahezu jeden, der für oder gegen irgendetwas ist. So kriegt man die Bude schon voll. Auch ich hätte mitdemonstrieren können, kein Problem. Gut, nicht gegen moderne Landwirtschaft, die assoziiere ich Naivchen immer noch mit einer sicheren, vielfältigen und erschwinglichen Nahrungsmittelversorgung. Deswegen passen Bauern irgendwie nicht in mein Feindbild, egal, ob ihr Betrieb eine oder 50 Familien ernährt. Aber gegen Lebensmittel auf dem Müll bin ich auch. Und gegen Wasserprivatisierung. Und gegen noch mehr Betonflächen. Aber für Wölfe in Brandenburg, für Artenvielfalt in der Nordsee und für Eisberge für Eisbären. Ach ja, und für besseres Wetter, dringend!
 
Passt alles nicht so richtig in eine einzige Demo, meinen Sie? Ha, was für ein Trugschluss! Schließlich ging's nur um Anschuldigungen, nicht um Lösungen. Und da findet sich schon ein gemeinsames Feindbild. Muss nur schön vage sein und böse klingen. Also: NGO-Wörterbuch aufschlagen, bei A anfangen und … potzblitz! Agrarindustrie. Passt! Passt doch immer.
 
Denn in konventionellen Großställen - und nur dort, wie der urbane "Agrarexperte" weiß - gibt es schlechte Belüftung, wenig Licht, nackten Beton und grobe Betreuer. Kleine Ställe im Familienbetrieb dagegen sind ausnahmslos hell, freundlich, luftig und dick mit goldenem Stroh eingestreut. Kein bäuerlicher Familienbetrieb kauft Futterkomponenten zu; zur Eiweißversorgung knabbert dort das Vieh an duftendem Luzerneheu, wenn es vom ausgiebigen täglichen Weidegang in den gemütlichen Stall zurückkehrt. Auf den Feldern blühen Klatschmohn und Kornblume im ungespritzten Korn, bevor man sie mit der Sense mäht und zur Garbe bindet. Voll bio, ey.
Und natürlich schlachtet kein Bauer im Familienbetrieb eine Kuh oder eine Sau, bloß weil sie nicht mehr tragend werden, denn schließlich hat er seinen Beruf aus Liebe zur Kreatur gewählt. Und allein die ernährt ihn und seine Lieben.

In großen Agrargesellschaften dagegen geht's nur um den Profit. Nur dort werden Ferkelschwänze kupiert und -zähne geschliffen, und nur dort stehen Sauen im Abferkelstall im Kastenstand. Ach ja, und "Massentierhalter" bauen natürlich "Genmais" an, verfüttern Hormone und Antibiotika en masse und versprühen Gift und Gülle auf ihren Feldern.
 
Wie? Sie halten das für alberne Schwarz-Weiß-Malerei, auch Familienbetriebe betreiben ernstzunehmende Landwirtschaft und auch Agrargenossenschaften werden von leidenschaftlichen Bauern bewirtschaftet? Klar, war ja auch Blödsinn, das weiß jeder Landwirt. Auch der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) weiß das. Trotzdem erschien dem Verband das städtische Protestler-Umfeld allemal gut genug, die eigenen Mitglieder gegen die unliebsame Konkurrenz wachsender Betriebe auf die Beine zu bringen und in vorderster Reihe in Berlin mitmarschieren zu lassen. "Wir haben Agrarindustrie satt" war daher nicht nur eine ziemlich fragwürdige Schuldzuweisung angesichts der ganzen Protest-Themen, die Demo-Teilnahme machte auch den Standpunkt der AbL klar: Wir scheren uns einen Teufel darum, wenn neben uns PeTA-Leute (deren Sprecher Edmund Haferbeck letztens eine Al Qaida für Tiere androhte) lauthals "Milch nur für Kälber!" fordern. Wir stoßen uns auch nicht an den Demonstranten der Animal Liberation Front, deren Kampfmittelarsenal gegen "Tierausbeuter" Brandanschläge und Körperverletzung beinhaltet. Oder an den Antispeziesisten (also den "Die-Kakerlake-ist-genauso-wertvoll-wie-Du"-Ideologen), die plakatieren, jeder, der Tiere ihrer Freiheit beraube, versündige sich wider die Natur. Und schon gar nicht stört uns der Mit-Initiator BUND, der noch vor wenigen Wochen per Spendenwerbevideo alle Bauern zu Kindervergiftern erklärte. Denn natürlich gilt: Der Feind meines Feindes muss zwangsläufig mein Freund sein - auch wenn er mir morgen vielleicht die Scheune abfackelt oder "Mörder" an meine Stalltür pinselt. Mit ein bisschen Glück trifft's ja nur den Nachbarn mit dem etwas größeren Betrieb ... 
Auch interessant