Login
Ausgabe Januar_2015

Aufs Korn: Eine Frage der Prioritäten

von , am
03.01.2015

Was unterscheidet uns vom Tier? Unter anderem die Tatsache, dass Tierrechtler vehement behaupten, dass uns nichts vom Tier unterscheide.
Das erscheint Ihnen unlogisch? Das könnte am gesunden Menschenverstand liegen, und der unterscheidet uns ganz sicher vom Tier.

© aleksandr/Fotolia
Stellen Sie sich bitte mal folgende - höchst ungemütliche - Situation vor: Sie kommen an einem einsamen Gehöft vorbei und sehen plötzlich, dass das Erdgeschoss vom Wohnhaus in Flammen steht. Keine Hilfe in Sicht, nur im Obergeschoss drängen sich auf einem Balkon verängstigt ein kleiner Junge, ein Hund, ein Schwein und eine Ratte. (Ich weiß, komischer Mix, aber wer weiß schon, was für ulkige Haustiere die Kinder heutzutage haben.)
Also zurück zum Feuer, das mittlerweile auf den zweiten Stock übergreift. Jetzt wird's eng. Zwar finden Sie rasch eine Leiter, aber bei aller Liebe: Sie können sich nur einen von den Vieren da oben unter den Arm klemmen und retten. Wem helfen Sie? Keine Angst, das ist keine Trickfrage nach dem Motto: "Ich rette zuerst den Blumentopf, weil da der Schlüssel für den Hydranten versteckt ist." Es geht nur um Ihre Prioritäten: Kind, Hund, Sau, Ratz?

Ich für meinen Teil müsste keine Sekunde nachdenken. Ich würde mir den Bengel schnappen und so weit wie möglich in Sicherheit bringen. Und mir wär sogar egal, ob der verflixte Rotzlöffel gezündelt und die Hütte selber angesteckt hat. Menschenleben ist Menschenleben, finde ich. Aber ich bin ja auch Speziesist.
 
Ingrid Newkirk ist das nicht. Ingrid Newkirk ist die Vorsitzende der Tierrechtsorganisation PeTA und Antispeziesistin. Das sind die Leute, die finden, wir Menschen dürften zwischen uns und "anderen Tieren" keine Unterschiede machen. Oder wie Frau Newkirk das ausdrückt: "Eine Ratte ist ein Schwein ist ein Hund ist ein Junge." Sehr weit unter Nagetier wagt sich die Ideologie der Antispeziesisten dann allerdings meist nicht mehr, sonst wird’s schon bei der Wurmkur für die Seelengeschwister Hund und Katze ziemlich brenzlig.
Und wie die PeTA-Chefin es fände, wenn ein antispeziesistischer Feuerwehrmann lieber das Schwein als sie vom brennenden Balkon holen würde, ist auch nicht überliefert.
 
Doch wahrscheinlich hätte sie Verständnis. "Tierrechtler heben das menschliche Tier nicht hervor, es gibt keinen rationalen Grund zu behaupten, dass Menschen Sonderrechte hätten", erklärte die gebürtige Engländerin 1985, gefolgt von besagtem Ratte-Schwein-Hund-Kind-Vergleich. Das Zitat gilt seitdem als eine Art Credo von PeTA. Und aus ihm rechtfertigt die Organisation auch ihre Kampfziele.
 
Eins davon ist der Krieg gegen Milchtrinker. Kuhmilch stünde nur Kälbern zu, liest man auf jeder Tierrechts-Demo, keine andere Spezies würde schließlich artfremde Milch trinken. Ich bin geneigt, PeTA in diesem Punkt Recht zu geben. Wir nehmen uns da wirklich exklusiv ganz schön was raus, allerdings nicht nur beim Erschließen von Nahrungsquellen. Bislang baute auch keine andere Spezies das Taj Mahal, ein Krankenhaus oder ein Spaceshuttle. Ich kenne keinen Rentier-Rembrandt, keinen Gorilla-Goethe, keinen Moorfrosch-Mozart. Ja, schon das Schreiben und das Lesen dieser Zeilen hier stellt eine schamlose Überheblichkeit dar: Welches andere Tier steht schon auf Literatur? Gut, vom Bücherwurm vielleicht mal abgesehen ...

Also weg von Alphabetismus, Kunst, Kultur und Milch. Allerdings würden wir ohne Lesefähigkeit auch solche Perlen wie das Statement von Felicitas (Tiere haben schließlich auch keine Nachnamen), PeTA-Fachreferentin für Ernährung, am Weltschulmilchtag 2014 in der Huffington Post verpassen. Unter Hinweis auf die Widernatürlichkeit menschlichen Milchkonsums fragte die Expertin: "Wer braucht heute noch den Weltschulmilchtag?" Kalzium, Flüssigkeit und Energie für Kinder gebe es doch tierleidfrei und viel gesünder in Form von kalziumangereichertem Mineralwasser, Gurke, Wassermelone und einer Handvoll Nüsse oder Trockenobst.

Liebe Fachreferentin Felicitas, "Welt" findet auch außerhalb unserer supermarktversorgten Überflussgesellschaft statt. Hierzulande kann ein Antispeziesist seine Kinder wohl mit Wassermelone, Markenwässerchen, Nüssen und Dörrpflaumen ernähren. Dass das der Entwicklung der Kleinen auf Dauer zugute kommt, darf man bezweifeln, aber zumindest wird der Veganer-Nachwuchs zeitnah weder verhungern oder verdursten, noch an Magen-Darm-Infektionen sterben. Aber wie weltfremd (im wahrsten Wortsinn) muss man eigentlich sein, um so eine Idee an einem Gedenktag zu verbreiten, bei dem es unter anderem um die Versorgung von Kindern in der Sahelzone, auf Haiti oder am Horn von Afrika geht? Dort, wo ein paar Schluck Milch am Tag eine der wenigen eiweißreichen und halbwegs hygienischen Flüssigkeits- und Nahrungsquellen sind?
 
Vielleicht sind die zoologischen Gleichmacher ja die größten Speziesisten unter uns Menschen. Denn sie heben sich in einem vom Rest der Tierwelt auf unserem
Planeten ab: Im Mangel an Schutzinstinkt für die eigene Art.
 
Oder anders ausgedrückt: Warum, liebe PeTA-Aktivisten, haben wohl Ratten, Hunde und Schweine noch keine speziesübergreifenden Tierrechtsorganisationen gegründet?
Auch interessant