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Aufs Korn genommen

Aufs Korn genommen: Verdienter Verlierer

von , am
26.01.2013

Alljährlich kürt eine Kommission aus Sprachwissenschaftlern das "Unwort des Jahres". Auf der Vorschlagsliste stand auch die "moderne Tierhaltung". Sie hat den recht zweifelhaften Preis nicht gewonnen. Zu recht, wie wir finden.

Die moderne Tierhaltung hat verloren. Und sie hat es nicht anders verdient, doch dazu später. Gewonnen hat - zumindest als geistiger Vater - Jörg Kachelmann. Zugestanden hätte der Sieg aber durchaus auch den Schlecker-Frauen. Sie verstehen nur Bahnhof? Dann also der Reihe nach:
 
Jedes Jahr im Januar kürt eine Kommission von Sprachwissenschaftlern das sogenannte Unwort des Jahres. Laut deren Statuten (nachzulesen auf www.unwortdesjahres.net) geht es dabei darum, "das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung zu fördern" und "den Blick auf sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen im öffentlichen Sprachgebrauch" zu lenken. Deshalb fordert die Kommission seit 1991 alljährlich dazu auf, Vorschläge einzusenden. Die Jury behält sich vor, daraus eine eigene Wahl zu treffen. Will heißen: Nicht immer gewinnt der Begriff mit den meisten Stimmen.
 
So auch in diesem Jahr, in dem den Zuschlag für das Unwort 2012 ein (bis dato weitgehend unbeachteter) Ausdruck von Ex-TV-Wetterfrosch Jörg Kachelmann erhielt: "Opfer-Abo" - laut Kachelmann eine Position, die Frauen in der Öffentlichkeit unwillkürlich inne hätten. Durch selbige, sagt er, könnten sie Männer nach Belieben falsch beschuldigen. Nach Lage der Dinge also ein würdiger Sieger, der mit einem einzigen nonchalanten Sprachcoup gleich einer ganzen Kategorie möglicher Gewaltopfer einen Großteil ihrer Glaubwürdigkeit abspricht.
 
Wäre es allerdings nur nach den eingesandten Vorschlägen gegangen, hätten wohl die "Schlecker-Frauen" (ebenfalls wegen gedankenloser Kategorisierung) gewonnen. 163 der insgesamt 2.232 Einsendungen beinhalteten diesen sprachlichen Ausrutscher. Auf Rang zwei der Vorschläge schaffte es mit 125 Stimmen die "Anschlussverwendung" (um die sich laut Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler eben jene geschassten Schlecker-Mitarbeiterinnen doch bitte selbst bemühen mögen). Und Rang drei belegte mit 102 Vorschlägen die oben erwähnte "moderne Tierhaltung".
 
Die begriffliche Beschreibung einer zeitgemäßen Unterbringung, Fütterung und Betreuung von landwirtschaftlichen Nutztieren ist also inhuman (oder wenigstens unangemessen)? Das Attribut "modern" im Zusammenhang mit den Lebensumständen steht, wie's scheint, nur dem Menschen zu. Zumindest dem Stadtmenschen (und gern auch dessen Haustier, betrachtet man mal die Spezialnahrungs- und HighTech-Beschäftigungsangebote für Hund und Katz' im Handel). Landwirte mit Tierhaltung sollten dagegen bei ihrer Arbeit auf die Vorzüge moderner Technik tunlichst verzichten; allenfalls Forke, Schubkarre und Melkeimer sei ihnen zugestanden, passend zur glücklichen Kuh im kuschligen Anbindestall. Voll retro! So ein bisschen Nostalgie muss schließlich in den grauen Alltag! Und wenn man als Stadtbewohner schon selbst nicht auf Fahrstuhl, Mikrowelle, Großbildfernseher und Smartphone verzichten möchte, muss eben ein anderer für das wohlige "Früher-war-alles-besser-Gefühl" herhalten.
 
Zickt der nun allerdings rum und hält Melkroboter, Stallklimasteuerung und automatische Fütterung für angemessene (und tierfreundliche) Technik statt für Teufelszeug, ist es wahrscheinlich nur konsequent, ihm auch gleich noch seine unromantische Terminologie um die Ohren zu hauen. Es ist ja auch rücksichtslos, zugunsten von ein paar albernen Nutztieren und wegen ein bisschen Arbeitskomfort und Lebensqualität anderen ihr Bild vom bäuerlichen Leben kaputt zu machen. Leider gibt die Unwort-Jury keine Begründung ab, weshalb ein Begriff nicht in die engere Wahl gezogen wurde* (die moderne Tierhaltung hat es nämlich nicht mal auf einen der Plätze geschafft, die belegten heuer die "Pleite-Griechen" vor der "Lebensleistungsrente"). Vielleicht war die Konkurrenz zu hart. Immerhin sind die durch die drei unfreiwilligen Preisträger Geschmähten jeweils ein ganzes Geschlecht, ein stolzes Volk und jeder, der es mal jenseits des Rentenstichtags schafft.
 
Es könnte allerdings auch daran liegen, dass die Auswahlkommission die nötigen Kriterien vermisste, die dem Unwort des Jahres zu eigen sein sollten: sachliche Unangemessenheit und/oder mangelnde Humanität. Beides brachte der Verlierer aus dem Agrarbereich einfach nicht mit, was ihn den Titel kostete. Verdientermaßen, wie ich finde.
 
Sabine Leopold
 
 
 
*Nachtrag: Auf Anfrage vom agrarmanager war die Kommission in Gestalt von Jury-Chefin Prof. Dr. Nina Janich, Germanistin an der Uni Darmstadt, gern bereit, die Hintergründe zur Wahl noch mal etwas genauer zu beleuchten. Und dabei ergab sich ein interessantes Bild: Die "moderne Tierhaltung" hat es laut Janich erst auf den allerletzten Pfiff unter die Top 3 der Vorschläge geschafft. In den letzten Wochen flatterten plötzlich jede Menge Meldungen mit diesem Unwort-Vorschlag ins Postfach der Kommission. Und damit nicht genug: Alle enthielten (zum Teil wortwörtlich) die gleiche Begründung, was "moderne Tierhaltung" so schädlich für die deutsche Sprachkultur mache. Die Formulierung sei lediglich ein Euphemismus (also eine Beschönigung) für "Massentierhaltung". Selbst in der landwirtschaftsfernen Sprachwissenschaftler-Jury fand man das an den Haaren herbeigezogen und beschloss daher, der offensichtlich konzertierten Aktion keine weitere Beachtung zu schenken ...
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