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Ausgabe März_2015

Aufs Korn: Hassen lassen

von , am
23.02.2015

Sie haben noch nichts von "Wutbürgern" gehört? Wenn man mit der Zeit gehen will, sollte man sich von Höflichkeit verabschieden und mal so richtig auf den Tisch hauen. Thema Nummer eins für "Wutbürger": Landwirtschaft und Tierquälerei.

Kennen Sie Gernot Hassknecht? Dieses cholerische Rumpelstilzchen aus der "heute show", das im ZDF Woche für Woche formvollendet ausflippt, mit Beleidigungen um sich schmeißt, die jeden Rapper erröten lassen würden, und am Ende nur per Sendeunterbrechung gestoppt werden kann? Falls Sie diesem menschlichen Schnellkochtopf gern beim Explodieren zuschauen, dann sind Sie auf Augenhöhe mit dem Zeitgeist. Wutbürger sind "in" - nicht erst seit Pe-, Le-, Fra- und Sonstwiegida. Heute punktet man nicht mehr mit Höflichkeit und Eloquenz. Die gute Kinderstube ist in die Giftküche verlegt worden. Wer mit der Mode geht, benimmt sich möglichst treffsicher daneben und haut anderen so oft es geht lautstark und unzensiert seine Meinung um die Ohren. Das gilt nicht nur für kabarettistische Kunstfiguren, die stellvertretend für die Schüchterneren unter uns auf die Kacke hauen. Nein, auch im täglichen Leben sind Häme und Hass zum Leitbild geworden.

Glauben Sie nicht? Dann machen Sie doch den Selbstversuch. Auf Facebook am besten, da gedeiht der virtuelle Jähzorn besonders prächtig. Schreiben Sie einfach mal unter ein Katzenvideo, dass sie Katzenvideos doof finden. Das sorgt für Stimmung in der Bude. Für die etwas Kampferfahreneren empfiehlt sich ein Hinweis wie: "Nett, die Katze mit der Leberwurstschnute, aber bei mir dürfte die nicht auf’m Teller sitzen." ... Enter. Ich verspreche Ihnen, Sie lernen binnen einer halben Stunde ein paar Hundert neue Leute kennen. Nicht direkt Freunde, nein, eher so das Kaliber: "Ey, Du Dreck, wer Katzen
nicht voll gut findet, soll verrecken."
 
Sie könnten jetzt nachschieben, dass es Ihnen doch nur um den Hygienefaktor ging, so ein Katzenpopo auf der nackten Stulle (die Leberwurst wohnt ja schon in der Miez) sei eine eher suboptimale kulinarische Komposition. Das ruft dann zuverlässig auch noch
die Ernährungsfraktion auf den Plan, die mit Ihnen mal in aller Ausführlichkeit über die perversen Seiten des Fleischkonsums reden möchte. Aber im Grunde können Sie sich an dieser Stelle auch vornehm aus der Diskussion zurückziehen. Der Samen ist gelegt und die nächsten Tage wird Ihr Privatnachrichtenfach überquellen von persönlichen Widmungen zum Thema "ausgefallene Krankheiten und wohin ich sie Dir wünsche". Denn schließlich haben Sie ein ehernes Gesetz der vernetzten Bessermenschen gebrochen: Sag nie was gegen Tiere und diskutiere nicht über Ernährungsrituale!

Als Landwirt kann man sich beim Ritt durch den digitalen Fettnäpfchen-Parcours übrigens sogar jede Meinungsäußerung sparen. Man gilt schon von Berufswegen als Tierschinder. Die Hasstiraden gibt’s also quasi gratis, gern verbunden mit Flüchen bis in die dritte Generation. Das wegzustecken, festigt den Charakter ... oder ebnet den
Weg für Burnout und Depressionen. Mit 17 Prozent aller Diagnosen stünden psychische Erkrankungen inzwischen auf Platz zwei in der Liste der Erwerbsminderungsgründe bei Landwirten, meldete die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau. Ursache seien vor allem Dauerbelastung und Existenzängste. Mobbing wurde nicht explizit erwähnt, das vermutet so ein Statistiker wohl auch eher in einem Bürohaus als im Schweinestall. Als allerdings vor ein paar Wochen die übergeschnappten Tierrechtler von "Animal Peace" von sich reden machten, weil sie den Unfalltod eines Rinderhalters zum Freudenfest erklärten, waren dann doch viele bestürzt über diesen empathischen und intellektuellen Totalausfall. Dass solche Angriffe - nur weniger öffentlich - für viele Landwirte längst zum Alltag gehören, hat sich trotzdem nicht herumgesprochen.

Vielleicht wäre "Hate Poetry" (Hass-Poesie) eine Option. Die Idee dazu hatte vor gut drei Jahren die Journalistin Ebru Taşdemir. Seitdem tingeln Redakteure verschiedener Medien durchs Land und geben vor entzücktem Publikum die fiesesten ihrer Leserbriefe zum Besten.

Peinliche Kommentare und schräge Beleidigungen als Bühnenshow, besser kann man die Schöpfer dieser Kostbarkeiten kaum vorführen. Denn das ärgert einen Berufshasser doch am meisten: Wenn man ihn nicht ernst nimmt. Einfach mal hassen lassen ...
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