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Ausgabe November 2013

Aufs Korn: Jenseits von Gut und Böse

von , am
26.10.2013

Hannis Sohn ist gestorben. Er ging über die Regenbogenbrücke ins Licht und hinterließ eine tiefe Leere im Herzen und im Kopf der Hinterbliebenen. Wenn Sie mittrauern möchten: Bitteschön.

Am Samstag ist Hannis Sohn gestorben. Noch nicht einmal zwei Monate alt, fiel er einem Mörder zum Opfer. Die Hinterbliebenen trauern. Und mit ihnen Hunderte tief bewegte Facebook-Freunde. Viele mühen sich um Worte des Trostes: "Mach es gut", wünscht einer im eigens eingerichteten Kondolenzbereich, "Du schaust nun von oben auf Deine Lieben". Andere schreiben: "Komm gut hinter der Regenbogenbrücke an und lass Dein Licht leuchten." Oder: "Es gibt keine Worte, die es besser machen, die mir die Traurigkeit nehmen." Und: "Wie geht es denn der armen Mutter. Wird Hanni es je verkraften?" Ach, es zerreißt einem fast das Herz: Hof Butenland verlor sein jüngstes ... Huhn.
 
Bevor Sie mich jetzt für komplett gaga halten: Ich habe mir diesen Irrsinn nicht ausgedacht. Weder der Tod von Küken Flauschi, noch die schriftliche Trauerarbeit entstammen meiner Phantasie. Das Huhn wurde Ende September im Garten des Kuh-Altersheims Hof Butenland vom Bussard geholt. Die Hofbetreiber informierten daraufhin die Netzgemeinde auf ihrer Internetseite und via Facebook über den unerwarteten Trauerfall mit den Worten Albert Schweitzers: "Das einzige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen." Zugegeben - das klingt aus der Feder erwachsener Menschen ein bisschen paranoid. Schließlich geht's hier nicht um ein Kleinkind, sondern um ein sieben Wochen altes Hähnchen. Aber immerhin war der kleine Braten ja als Kuscheltier und nicht als lecker Curry gedacht. Da kann man schon mal ein bisschen am Rad drehen.
 
Wie aber kriegt man ein paar Hundert wildfremde (und ebenfalls erwachsene) Menschen dazu, solche hysterischen Trauerkommentare wie die oben abzuliefern (und da habe ich nur die ganzen Sätze zitiert und nicht all die "Oh-mein-Gott!!!"-, "Bitte-nicht!!!"- und Herzchen-Statements)? Menschen, deren engster Kontakt mit einem lebenden Huhn bislang wahrscheinlich auf dem Fernsehbildschirm stattfand und die von Flauschi nichts als ein paar nette Fotos kannten?
 
Der Trick nennt sich "Vermarktung". Ehrlich, was soll man aber auch machen, wenn man - wie der Besitzer von Hof Butenland Jan Gerdes - als ehemaliger Lehramtsanwärter den väterlichen Hof in der Wesermarsch übernehmen muss, aber mit Landwirtschaft nicht viel am Hut hat? Wenn man trotz abgeschlossener Meisterausbildung Fachkommentare abgibt wie "in der konventionellen Landwirtschaft werden Kühe mit zehn Monaten zwangsbesamt" und "wenn man Milchviehkälber gleich nach der Geburt ihren Müttern entreißt, schreien sie tagelang nacheinander"? So richtig nach Einklang mit dem Beruf klingen diese hanebüchenen Behauptungen nicht.
 
Aber zum Glück gibt's ja hierzulande jede Menge Städter mit Landweh und unerfüllter Tierliebe. Und mit Geld selbstverständlich. Was liegt also näher, als den Familienbetrieb fürderhin zur Tier-Oase zu erklären, ein paar alte Kühe, Schweine, Pferde, Kaninchen, Hühner und was Brehms Tierleben sonst noch hergibt zusammenzusammeln, mit Namen und "Schicksalen" zu versehen und aller paar Tage ein, zwei rührende Geschichtchen nebst niedlichen Fotos online zu stellen?
 
Der Rest ist pure Betriebswirtschaft. Während nämlich "Bauer" Gerdes medienwirksam verbreitet, dass er niemals Tiere ausnutzen oder vermarkten würde, hat er in Wirklichkeit beides zur hohen Kunst erhoben. Denn selbstredend kann man auf Hof Butenland Tierpatenschaften erwerben (Mindesteinsatz pro Monat: 5 Euro, nach oben offen), Ferienwohnungen mieten (ausdrücklich ohne landwirtschaftliche Aktivitäten auf dem Hof), T-Shirts, Mützen (mein Favorit: ein Babymützchen mit dem Aufdruck "vegan"), Kalender, Poster, Aufkleber, Taschen, Kochschürzen (ach schau mal ... bei uns heißen die Dinger Grillschürzen), Tassen, Hundehalstücher und vieles mehr kaufen. Alles in allem wahrscheinlich ein recht einträgliches Geschäft.
 
Das Ganze klappt natürlich nur mit entsprechender Medienunterstützung. Und so berichtete bereits der Spiegel über den "Landwirt" mit dem neuen Tierverständnis, ebenso die FAZ, die Berliner Zeitung, und die Brigitte Woman (für die Frau ab 40). Alle schrieben enthusiastisch über den "neuen Typ Landwirt" mit dem "Hof der Liebe". Und darüber, dass konventionelle Bauern endlich umdenken sollten.
 
Keine üble Idee, finde ich. Und für die Zeit nach der allgemeinen Umstellung auf Streichelzoo gilt dann abgewandelt die alte indianische Weissagung:
Wenn die letzte Kuh umarmt,
das letzte Schwein geknuddelt
und das letzte Huhn liebkost ist,
werdet ihr feststellen,
dass Tierheime keine Nahrung produzieren.
Sabine Leopold 
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