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Ausgabe September_2015

Aufs Korn: Von Löwen und Hyänen

von , am
26.08.2015

Löwen und Hyänen gehören zu den gefährlichsten Räubern in Simbabwe. Nicht nur die vierbeinigen ...

Es ist Sommer. So richtig. Wer kann, verzieht sich an den Badesee. Ich für meinen Teil liebäugle ja mit dem Nordpol. Mit 4.822 km Luftlinie ist der von Berlin gar nicht so weit weg. Näher als das südliche Afrika. Das käme klimatechnisch auch in Frage, dort ist jetzt Winter. In Harare zum Beispiel hat es tagsüber gerade rund 25 Grad Celsius und nachts wenig über 10. Genau mein Wetter.
 
Ärgerlich nur, dass Harare interkontinental kaum noch angeflogen wird. Gut, das ist beim Nordpol ähnlich. Bei beiden liegt das an der Lage. Am Nordpol sind die Pisten immer so blöd vereist. Und Harare ist die Hauptstadt von Simbabwe, einem Land, das ein selbstherrlicher Diktator gemeinsam mit seiner - in öffentlichen Ämtern geschickt platzierten - Mischpoke in den vergangenen drei Jahrzehnten in Grund und Boden gewirtschaftet hat. Robert Mugabes Volk hungert trotz relativ guter Anbaubedingungen - vor allem weil ab dem Jahr 2000 alle weißen Farmbesitzer mit großem Brimborium (und nicht selten mit Knüppeln und Knarren) enteignet, ihre bis dato ertragreichen Betriebe in Kleinstparzellen zerschlagen oder gleich als Ganzes an "King Roberts" treueste Lakaien verschenkt wurden satte Beamte, die sich einen Teufel um die Landbewirtschaftung scherten. Die Ernten, die noch vom Vorbesitzer auf den Feldern standen, verrotteten am Halm, Technik, die sich nicht verschachern ließ, rostete zu Staub.
 
Simbabwes wichtigster Wirtschafts- und Exportzweig, die Agrarproduktion, brach innerhalb weniger Jahre weg wie ein Stück nasse Kreide. Beim Wohlstandsindex, den die Vereinten Nationen in jedem Jahr berechnen und der unter anderem Kriterien wie Einkommen, Lebenserwartung und Bildungschancen enthält, rangiert Simbabwe seitdem im untersten Viertel.
 
Weltweiter Spitzenreiter ist das Land hingegen bei der Arbeitslosen- (82%) und der Inflationsrate (184%). Letztere ließ den Zim-Dollar die letzten Jahre einen derartigen Freifall hinlegen, dass die Regierung ihn Mitte Juni dieses Jahres kurzerhand abschaffte und seitdem nur noch mit ausländischen Währungen rumwirtschaftet. Auch nicht erfolgreicher als zuvor, aber die Rechnungen brauchen nicht mehr so viel Papier. Der Tauschkurs zwischen US- und Zim-Dollar belief sich für Spareinlagen am Ende nämlich auf die sagenhafte Quote von 1:35 Billiarden (richtig, das ist eine 35 mit 15 Nullen). Für Bargeld war er noch schlechter, sieht man mal davon ab, dass man nach erfolgtem Tauschgeschäft die Schubkarre, mit der man zur Bank gekommen war, noch meistbietend verticken konnte.
 
Warum ich das alles schreibe? Nun, ich gehe davon aus, dass es im Moment kein interessanteres Land auf der Welt gibt als Simbabwe. Nicht wegen der hungernden Kinder, der exorbitant hohen HIV-Rate oder der beklemmenden Armut - die gibt es schon seit Jahrzehnten und kaum jemanden hat’s gekümmert. Nein, wegen Cecil! Sie wissen schon: Cecil, der Löwe, hingemeuchelt von einem amerikanischen Zahnarzt! Kaum ein Medium kam vorbei an "Afrikas berühmtestem Löwen", Millionen Facebook-User schleuderten dem Todesschützen ihren kollektiven Hass und unflätige Wünsche für ein baldiges Hinscheidenentgegen. Fluglinien erklärten, ab sofort keine Jagdtrophäen mehr zu transportieren (was hatten die Air Cargo-Anbieter bis dahin wohl gedacht, wo die präparierten Hörner und Felle herkommen: freiwillige Körperspenden?).
 
Und Robert Mugabe, weiser Gebieter über Mensch und Tier, verlangte schäumend von den USA die Auslieferung des Jägers - der nach bisherigem Wissensstand übrigens den Abschuss legal nach simbabwischem Recht für fette 50.000 US-Dollar (das waren bis Mitte Juni 1,75 Trilliarden Zim-Dollar) gekauft hatte. Gegenüber der internationalen Presse forderte der Präsident, dass ehrlose Kolonial-kapitalisten endlich aufhören sollten, sein Land zu plündern und sein Volk zu ruinieren, und verbot kurzerhand jegliche Trophäenjagd in Simbabwe. Dieses Gesetz hat der greise Diktator inzwischen allerdings wieder gekippt, vielleicht hat ihm jemand vorgerechnet, wie viel Kohle seiner Schmiergeldwirtschaft entgehen würde.
 
Oder er hat schlicht vergessen, was ihn noch vor kurzem so entrüstete. Schließlich ist Robert der Redliche stolze 91 Jahre alt. Gefeiert hat er diesen Geburtstag übrigens Ende Februar mit 20.000 geladenen Gästen. Als Festschmaus gab es unter anderem einen jungen Elefanten und zwei Rappenantilopen. Man will so viele Mäuler ja angemessen verköstigen. Und schenken ließ sich der Vorreiter für Menschenrechte und Naturschutz was? Genau: einen prächtigen ausgestopften Löwen ...
 

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