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Ausgabe August_2015

Aufs Korn: Panik schüren - leicht gemacht

von , am
30.07.2015

Herzlich willkommen zu unserem kleinen Lehrgang: "Panik schüren - leicht gemacht"! Schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um Ihre persönlichen Skills in Sachen "Wie verunsichere ich effizient" ein wenig aufzumöbeln.

Grundlage jeder erfolgreichen Angstkampagne sind natürlich die drei großen W:
 
Wie? Wer? Wann?
 
Die Frage nach dem "Wie" ist dabei von existenzieller Bedeutung. Keine Verbraucherverunsicherung funktioniert ohne vorherige sorgfältige Vorbereitung. An grundsätzlichem Handwerkszeug ist immer bereitzuhalten: Empörungsphrasen, auf Knopfdruck in derartigen Mengen abzurufen, dass ihre schiere Menge jeden sachlichen Zweifel mit sich reißt. Bebende Stimmen und Sorgenfalten fürs Fernsehinterview, im Bedarfsfall ergänzt um wütende Grundsatzstatements. Es empfiehlt sich, immer eine Handvoll gefahrversprechender Allgemeinplätze vorrätig zu haben, für Fortgeschrittene auch Grundkenntnisse in Psychologie, zum Beispiel zu den Mechanismen der Risikowahrnehmung. Sicherlich kann es auch nicht schaden, wenn man glaubt, mit seiner Kampagne im Recht zu sein. Aber das ist rein fakultativ.
 
Die Fragen "Wer" und "Wann" sind als nächstes mit aller gebotenen Sorgfalt zu klären. Sowohl die Zielgruppe als auch der Zeitpunkt dürfen für ein gutes Gelingen Ihres Vorhabens keinesfalls dem Zufall überlassen werden!
 
Spielen wir das Ganze zum besseren Verständnis doch mal an einem konkreten Beispiel durch. Sehr schön war der Ansatz einer Kampagne der Grünen-Bundestagsfraktion von Ende Juni. "Wie", "Wer" und "Wann" in perfekter Harmonie: Eine Presseveröffentlichung über eine Untersuchung, aufmerksamkeitsfördernd in ganz leichter Überhöhung der Tatsachen als Studie bezeichnet, an einem Freitagnachmittag herauszubringen - das ist schon sehr professionell. Auch das Thema war schön gewählt: "Glyphosat in Muttermilch", das dann zuverlässig in den Wochenendzeitungen die Verbraucher am Frühstückstisch zu Tode erschreckte - Chapeau!
 
Grundsätzlich also sehen wir hier eine sehr ordentlich eingefädelte Angstkampagne. Bestimmt hatte sie das Zeug, wie einige vor ihr in den letzten Jahren, ganz groß rauszukommen. Spiegel-Thema, Seite 1 der Bildzeitung, Sonntag-Abend-Betroffenheits-Talk im Fernsehen, millionenfach verkaufte Zeitschriftenbeiträge: "Glyphosat in Muttermilch: Was stillende Mütter jetzt wissen müssen" - das volle Programm.
 
Doch schon am Montag kam die so hoffnungsvoll angelaufene Panikmaschinerie irgendwie ins Stocken. Und damit kommen wir zum zweiten Teil unseres Lehrganges: der Anfängerfehler. Hier ist der Grünen-Fraktion hauptsächlich vorzuwerfen, dass sie die Hintergründe ihrer "Studie" veröffentlicht hat. Zwar erst auf Nachfrage, einen Tag nach der Pressemeldung und nur auf Facebook, aber dennoch ist das Papier irgendwie an die falschen Leute geraten. Ganz grober Schnitzer.
 
Hinterhältig veröffentlichte am Montagmorgen der emeritierte Genetikprofessor Wolfgang Nellen aus Kassel gemeinsam mit zwei Journalisten einen offenen Brief. In dem rechnete er aus den Untersuchungsdaten kleinlicherweise vor, dass bei richtigem Ansatz des (richtigen) Grenzwertes ein Baby täglich 2.777,778 Liter Muttermilch trinken müsste, um die in der EU zulässige Tagesaufnahme zu erreichen. Auch, dass die Ärztin, die diese Studie durchgeführt hat, Tierärztin ist, das Labor für diese Untersuchung nicht akkreditiert und das Messverfahren sowieso nicht geeignet ist - all diese völlig nebensächlichen Spitzfindigkeiten hat der nervige Professor ans Licht gezerrt. Wo sie prompt von den Medien aufgegriffen und zur Zerlegung dieser im Ansatz doch so schönen Kampagne benutzt wurden.
 
Sehr schade eigentlich, aber so hatten wir eben für unseren Kurs ein hübsches Lehrmodell. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, Sie sind auch bei unserem Aufbaukurs dabei, wenn es heißt: "Meine Statistik - deine Statistik. Meinungsbildung per Rechenmodell". 
 
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