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Ausgabe Juli_2015

Aufs Korn: Schützt die Kuh vorm Tierschutz!

von , am
29.06.2015

Anbindehaltung und Kannenmelken kann wohl nur ein Tierrechtler für eine erstrebenswerte Landwirtschaft halten.

Am 1. Juni ist Weltmilchtag. Der leidgeprüfte Agrarjournalist bemerkt das Näherrücken dieses Gedenktages vor allem an zahllosen Pressemitteilungen aus Tierschützerkreisen, die ab Ende Mai das Postfach füllen. Grundtenor: Kühe gehören in die Freiheit und Milch ist Tierquälerei. Dass sich die Herrschaften Kuhrechtler dabei gern ein bisschen in den Fakten vertun, ist nichts Neues, hat aber durchaus Unterhaltungswert.

Die gemeinnützige Stiftung Vier Pfoten beispielsweise beklagte in ihrer diesjährigen Protestnote: "In Deutschland liegt die durchschnittliche jährliche Milchleistung bei 8.300 kg pro Kuh [...]. Vor 40 Jahren waren es nur zirka 2.700 kg."

Vor 40 Jahren, falls Sie gerade nachrechnen, hatten wir 1975. Die mittlere  Laktationsleistung lag im alten Bundesgebiet zu dieser Zeit bei guten 4.000 kg. Wie die Statistikexperten von Vier Pfoten auf 2.700 kg kommen, bleibt im Dunkeln. Selbst die durchschnittliche DDR-Kuh brachte es damals schon auf mehr als 3.500 kg - wenn auch vielleicht mancherorts ein bisschen schöngerechnet mit Blick auf den nächsten Parteitagsbericht. Dass viele ostdeutsche Produktionsherden deutlich hinter denen im Westen hinterherhinkten, lag übrigens vor allem daran, dass das arme Viehzeug dank lausiger Futtergrundlage und chronischem Materialmangel allenthalben alles andere als artgerecht gehalten wurde. Ich erinnere mich mit Grausen an Jungrinder, die aus nacktem Hunger fehlgegorene, buttersäurestinkende Rübenblattsilage in sich hineinschlangen, und an Milchkuhliegeplätze aus blankem Beton. In westdeutschen Betrieben standen zur selben Zeit fast alle Kühe noch in Anbindehaltung. Moderne Laufställe, weiche Liegematten, ein ausgefeiltes Futterqualitätsmanagement und schonende Melktechnik setzten sich erst in den Folgejahrzehnten durch. Und mit ihnen kamen die höheren Leistungen. Wer sich wohlfühlt, schafft mehr. Das gilt auch für Kühe, liebe Tierschützer.

Weiterhin, erklärt Vier-Pfoten-Nutztierexpertin Ina Müller-Arnke, sei es eine Schande, dass Kühe oft bereits im Alter von fünf Jahren geschlachtet werden, während sie doch eine "natürliche Lebenserwartung" von über 20 Jahren hätten. Mal abgesehen davon, dass ich gern einem Rindsrouladen-Essen der Vier-Pfoten-Gourmets aus einer 20-jährigen Kuh beiwohnen würde: Was versteht die "Nutztierexpertin" eigentlich unter natürlicher Lebenserwartung? Kein Rind in freier Wildbahn wird je so alt. Im Schnitt sterben Wildrinder sogar viel jünger als unsere Milchkühe, weil schon unter den Kälbern oft nur jedes zweite oder dritte die ersten Wochen überlebt (je nach Nahrungsgrundlage und Raubtierbesatz in der betreffenden Region). Was Frau Müller-Arnke meint, ist die maximale Lebensdauer unter menschlicher Obhut. Auf einem Gnadenhof oder im Zoo können Rinder durchaus über 20 werden - mit altersgerechtem Futter in der Krippe und einem gerontologisch geschulten Tierarzt zur Hand. Aber das ist eben nicht die natürliche
Lebenserwartung, sondern das Modell Barbies Ponyhof.

Ach so ja: Natürlich vergisst Vier Pfoten auch nicht der Presse neuestes liebstes Kind in der Aufzählung der Verfehlungen deutscher Milchviehhalter: Die ungeliebten Bullenkälber, die nur ein "lästiges Nebenprodukt" seien - ähnlich wie die männlichen Legerassenküken, die man gleich nach dem Schlupf tötet. Den gedanklichen Schlenker, dass wohl folgerichtig auch die männlichen Milchviehkälber sofort nach der Geburt um die Ecke gebracht würden, überlässt Vier Pfoten - nach dem geistigen Schubs in die gewünschte Richtung - dem geneigten Publikum dann selber.

Im Fazit folgt das, was der fachvertraute Leser bereits ahnt: Vier Pfoten empfiehlt, den Weltmilchtag als Anlass zum Umdenken zu nutzen und künftig das Frühstücksmüsli lieber mit pflanzlichen Alternativen wie Hafer- oder Mandelmilch zu wässern.
 
Da hätte ich doch glatt auch einen Vorschlag: Am 4. Oktober ist wieder Welttierschutztag. Nutzen Sie diese Gelegenheit doch, liebe Tierfreunde, und geben Sie fürderhin Ihr gutes Geld nicht für solche fragwürdigen PR-Aktionen aus, sondern für gesundes Essen aus hiesiger kontrollierter Erzeugung. Gern mit Herkunftsnachweis und Tierwohllabel. Damit unterstützen Sie die Menschen, die sich tatsächlich für gute Haltungsbedingungen stark machen: die Landwirte.

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