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Ausgabe April_2015

Aufs Korn: Das Treiben toter Säue

von , am
24.03.2015

Täglich wird nach brandaktuellen Skandalen gesucht. Einigen ist dabei nicht klar, dass die Sau, die sie durch das Dorf jagen, längst tot ist.

"Einer geht noch, einer geht noch rein ..." Mit so subtil-eleganten Worten merken ja üblicherweise Fußballfans an, dass sie beim Spielstand noch Verbesserungspotenzial sehen. Ich würde diese Hymne heute gerne umwidmen zugunsten all jener Sportsfreunde, die derzeit einer anderen, besonders noblen Sportart frönen: Dem Treiben von Säuen durch Dörfer. Gern auch von toten Säuen. Es kommt mir so vor, als würde hier derzeit auch nach der Maxime vorgegangen: "Eine geht noch ..."

Die mit weitem Abstand toteste Sau, die je durch ein Dorf getrieben wurde, ist wohl die grüne Gentechnik. Politiker gebärden sich derzeit wie King Kong, um dem Verbraucher zu signalisieren, dass sie sie unter Einsatz von Leib und Leben vor den Gefahren des Anbaus von GVO-Sorten zu schützen gewillt sind. Warum tun die das bloß? Wahrscheinlich sind es einfach nur leicht verdiente Wählerstimmen, weil die Wähler gar nicht wissen, dass ein solcher Anbau seit Jahren nicht stattfindet und in absehbarer Zeit auch nicht stattfinden wird.

Ich denke ja manchmal, wir hätten durchaus das eine oder andere richtige Problem, mit dem Politiker sich ihr Auf-die-Brust-hau-Bedürfnis befriedigen könnten. Im gesellschaftlichen Bereich: Flüchtlingsproblematik, Bildungsmisere, Klimawandel. Im landwirtschaftlichen Bereich: Nachwuchssorgen, Agrarpolitik, Bodenpreise, Klimawandel ... Da sollte doch für jeden was dabeisein. Aber nein, es stürzen sich lieber alle auf ein- und dasselbe Thema. Nehmen wir den Herrn, der meine aktuelle Politikerlieblingsfrisur herumträgt, Anton Hofreiter von den Grünen. Er fordert vehement und wortgleich dasselbe wie Meck-Pomms SPD-Agrarminister Backhaus und einige seiner Parteifreunde: "Das Anbauverbot gentechnisch veränderter Pflanzen muss für ganz Deutschland gelten." Jahaa, ist angekommen.

Auch die bislang noch nicht so sehr durch Polemik aufgefallene - genaugenommen eigentlich noch gar nicht weiter aufgefallene - Bundesumweltministerin hat ihre Abneigung gegen Gene entdeckt. Barbara Hendricks erfreute Mitte Januar mit der Äußerung, sie fordere ein Verbot von grüner Gentechnik in Deutschland. Ausnahmslos müsse die Bundesregierung den Anbau EU-weit zugelassener Genpflanzen verhindern. Dieser offensive Ansatz hat sich schon Anfang der 80er-Jahre super bewährt, als deutsche Wissenschaftler das GVO-(Human-)Insulin entwickelten und die hessischen Behörden keine Anlage zur Produktion genehmigen wollten. Doch dank amerikanischer, dänischer und anderer Unternehmen müssen sich deutsche Diabetiker heute auch nicht mehr Insulin aus Bauchspeicheldrüsen von Hunden, Schweinen oder Rindern spritzen.

Frau Hendricks, entschiedenes Aufstampfen führte jedenfalls einen Tag später zu der belustigten Äußerung von DBV-Präsident Rukwied, ihm komme das vor, als würde man die Abschaffung der Monarchie in Deutschland fordern. Da ist was dran: Bt-Mais wird hier seit 2009 nicht mehr angebaut, das kurze Gastspiel der GVO-Stärkekartoffel war 2012 beendet, seit 2013 gibt es keinen einzigen Freisetzungsversuch mehr. Vor welcher Gentechnik warnen die?

Es spielt bei der Ausübung dieser Sportart aber offensichtlich gar keine Rolle, wie tot die Sau ist. Fragt sich, wie lange es noch dauert, bis dem Verbraucher dämmert, dass tote Säue gar keinen Weltuntergang auslösen? Oder bis er gar begreift, dass jene tödliche Gefahr aus dem Genlabor so tödlich vielleicht nicht ist, sie ist ja seit Jahrzehnten überall. Nur ein kleiner Ausschnitt: Gentechnik ist in Geld (Scheine sind aus Baumwolle, 70 % davon sind gentechnisch verändert), Klamotten, Medizin, Kosmetik, Tierfutter (Mais und Raps: 25 %, Soja: 82 % GVO-Anbau). Für all die Gentechnik-kommt-mir-nicht-auf-den-Teller-Überzeugten: Essen von ACE-Drink bis Zwieback kann gv-Zutaten enthalten. Sehr ausführlich aufgelistet unter www.transgen.de.

Nichts davon hat mir geschadet, dachte ich bisher. Aber wo ich jetzt so drüber nachdenke, wie kommt es eigentlich zu diesem rätselhaften Geldschein-Schwund aus meinem Portemonnaie? Da ist doch bestimmt diese Gentechnik schuld!
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