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Ausgabe Juni_2015

Aufs Korn: Verdammt windige Argumente

von , am
28.05.2015

Von der Weizenwampe und Gesundheits-Kreuzzüglern ...

Ach, die Amerikaner. Wenn es sie nicht gäbe, hätten sie zu Unterhaltungszwecken von Fernsehproduzent John de Mol erfunden werden müssen. Als Reality Show für den Rest der Welt. Aber sie haben sich ja zum Glück schon selbst erfunden und erweisen sich wie eh und je als Quell unerschöpflicher Kreativität beim Vermarkten absurder Ideen. Besonders beim Thema Essen. Die Ernährungsberatung auf amerikanisch hat ja schon viele faszinierende - an dieser Stelle gelegentlich liebevoll besprochene - Blüten  hervorgebracht: No Fat, LowCarb, Vegan, Yang-Nahrungsmittel, Clean Eating, alkalische Nahrung, Beauty Detox ... Das alles aus dem Land, wo die Masse (das Wort wäre in diesem Zusammenhang durchaus doppeldeutig zu verstehen) der Konsumenten den Werbeversprechen Glauben schenkt, dass Cornflakes und Burger eine ausgewogene und gesunde Ernährung sichern würden.

Das aktuelle Heilsversprechen hat der aus Milwaukee stammende Kardiologe Dr. William Davis mit seinem Buch "Wheat Belly" losgetreten. Wie alle Herzspezialisten von Natur aus extrem bewandert in Ernährungsfragen, fasst Davis seine Lehre kompakt wie folgt zusammen: "Weizen ist chronisches Gift". Um der Aussage die nötige mediale Wucht zu verleihen, hat der clevere Kardiologe erst einmal einige Bücher geschrieben - die sich wie warme Semmeln verkauften, um beim Thema zu bleiben - und anschließend das Wheat Belly Lifestyle Institute gegründet. Das verbreitet nun eifrig und gegen einen gewissen Unkostenbeitrag die steilen Thesen des Herrn Doktor: Weizen ist ein gesundheitsschädigender Dickmacher. Wegen der züchterischen Bearbeitung in den letzten 60 Jahren, die 10.000 Jahre davor sind wohl nicht ganz so wichtig, ist aus dem anständigen "Urweizen" ein fieses Ungeheuer entstanden, das Übergewicht, Diabetes, Rheuma und Demenz verursacht, den Alterungsprozess fördert, Herz und Hirn schädigt und schlecht für die Haut ist. Also dick und doof macht. Und krank. Und hässlich. Wenn das mal nicht jeden besorgten Verbraucher anspricht.
 
Umauch den letzten gefühllosen Deppen über den Ernst der Lage in Kenntnis zu setzen, dräut es dramatisch aus des Doktors Büchern: "Getreidekörner sind ein Fehler. Der menschlichen Ernährung aus Verzweiflung hinzugefügt, dominieren sie diese nun. Und es sind nicht mehr die traditionellen Sorten, sondern 'Frankengrains', hergestellt von Genforschung und Agribusiness."
 
Zum Glück hat der nette Onkel Doktor für seine verzweifelten Anhänger extra glutenfreie Ernährungsalternativen erfunden. Auf des Weizenfeinds Website werden sie aufs Leckerste beworben mit dem Bild einer bestimmt 5 cm hohen Pizza, dick mit Hackfleisch und Käse und einem Alibistreifchen Paprika belegt. Die Bildunterschrift macht klar, dass, sobald man das Getreide in diesem Essen weglässt, es sofort zu einem gesunden, schlankmachenden Lebensmittel wird. Die Backmischung zu dieser Pizza gibt es bei einer Kette namens Wheat-Free Market Foods LLC, deren Produkte offiziell getestet und anerkannt wurden von ... Genau. Unserem Herzspezialisten. Der übrigens auf seiner Website weiterhin wissen lässt, dass er nicht nur Kardiologe ist, sondern auch noch Autor und (Trommelwirbel): Gesundheits-Kreuzzügler. Donnerlüttchen! Das hätte ich ja auch gern auf meiner Visitenkarte zu stehen.

Ach so, eins habe ich noch vergessen. Natürlich wussten Sie schon, dass die Lehre unseres komischen Kardiologen Blödsinn ist. Aber ein paar Argumente will ich trotzdem liefern, schließlich haben wir in dieser Kolumne auch so eine Art Bildungsauftrag: Dr. Friedrich Longin, Weizenexperte der Uni Hohenheim, hat sich ausgiebig zu der hierzulande unter "Weizenwampe" vermarkteten Diät geäußert (nachzulesen unter www.uni-hohenheim/presse). Abgesehen von den drei bekannten Krankheiten im Zusammenhang mit Weizen: Weizenallergie, Zöliakie und Weizensensitivität - deren Verbreitung keineswegs zunähme - gibt es keinen Beleg für Davis' Thesen. Es sei auch nichts dran an der oft wiederholten, aber dadurch nicht wahrer werdenden These, dass alte Kultursorten bekömmlicher wären als Neuzüchtungen. "Selbst Einkorn, Emmer und Dinkel weisen heute große genetische Unterschiede zu den Sorten von vor 10.000 Jahren auf. Und dafür, dass sie besser bekömmlich sind, gibt es bislang keinen einzigen wissenschaftlichen Beleg."

Aber ist ja egal. Seit wann interessieren sich Gesundheits-Kreuzzügler für Wissenschaft.
 
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