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Ausgabe September 2013

Aufs Korn: Vorwahl-Nummern

von , am
25.08.2013

Im September haben Sie die Wahl. Und falls Sie noch nicht so recht wissen, wem Sie Ihre Stimme schenken sollen: Wir hätten da ein paar recht originelle Vorschläge. Ob Sie die allerdings wählen sollten? Nun, entscheiden Sie selbst ...

Da hängen sie also wieder, die Pappkameraden. Festgezurrt an wehrlosen Laternenmasten, mal selbstsicher in Augenhöhe, mal vorsichtshalber außer Reichweite - je nach Vertrauen der jeweiligen Partei in die Beliebtheit des plakatierten Politikergesichts. Mit Dekorationen wie Augenklappe und Zahnlücke lassen sich schließlich nicht mal mehr die Piraten gern sehen.
 
Ansonsten ist alles wie gehabt im Wahlplakatewald: perlweißes Lächeln, vertraut-leere Phrasen und der mehr oder weniger dezente Hinweis, dass die anderen an allem schuld sind. Wenn Sie das alles nervt, sollten Sie wissen, dass Ihnen das deutsche Bundeswahlgesetz manches (aber leider nicht alles) schon im Vorfeld erspart hat. Das nämlich legt die formellen Kriterien fest, die eine Partei erfüllen muss, um überhaupt zur Wahl zugelassen zu werden. Und wie immer hat der Bundeswahlausschuss ein paar besonders putzige Truppen herausgefischt und rechtzeitig in die ewigen Möchtegernpolitiker-Jagdgründe geschickt. Kleine Auswahl gefällig?
 
Beginnen wir mit dem Klassiker: der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (APPD). Die Berufsrebellen nehmen schon seit 1997 immer mal wieder an Bundes- und Landtagswahlen teil. Ihr Credo "Frieden, Freiheit, Abenteuer" klingt verführerisch, aber Obacht: Das APPD-Parteiprogramm fußt auf Forderungen wie Recht auf Arbeitslosigkeit bei vollem Lohnausgleich, Abschaffung der Schulpflicht und die Legalisierung aller Drogen. Unbestreitbar dürften die einzelnen Punkte durchaus ihre Fans haben. In diesem Jahr ist aber trotzdem Pause für Pogo (übrigens der Name eines Tanzes): Wegen Formfehlern gab's keine Zulassung.
 
Viel konventioneller kommt das Programm der Union der Menschlichkeit (U.d.M.) daher. Nach eigenen Aussagen fühlt die U.d.M. sich ausschließlich dem Wohle des Volkes verpflichtet (was aber - seien wir mal ehrlich - so ziemlich jede Partei von sich behauptet). Und sie hat im Unterschied zu den meisten geschassten Kandidaten sogar ein Konzept für die Agrarpolitik. Hübsch biologisch-dynamisch soll es zugehen. Einer der Kernpunkte: ein generelles Verbot der Ausbringung von "giftigen Substanzen". Da nach dem Paracelsus'schen Prinzip bei ausreichend großer Menge selbst Wasser ein Gift ist, wird's schon bei übertriebenem Blumengießen kritisch. Dünger, egal welcher Art, geht da natürlich gar nicht.
 
Zünftig mit Reichsflagge und Eisernem Kreuz präsentiert sich die Partei Deutsches Reich, das ist ... ach, machen wir’s kurz, der Platz ist eh knapp. Das ist genau das, wonach es klingt: ultrarechtsreaktionäres Gesindel.
 
Während das Deutsche Reich wegen Formfehlern von der Wahlbewerberliste flog, bleiben uns andere rechte Kameraden nicht erspart, denn im Gegensatz zu Formalien dürfen Programminhalte keine Rolle spielen bei der Wahlzulassung. Wer alle Kriterien erfüllt, ist drin - wie der Bund für Gesamtdeutschland. Dessen Forderungen: Deutschland in seinen "völkerrechtlichen Grenzen" inklusive Sudetenland und Deutsch-Böhmen. Für alles Weitere siehe oben unter > ultrarechtsreaktionäres Gesindel.
 
Allerdings sind nicht alle Exoten, die diesmal zur Bundestagswahl antreten dürfen, stramme Kampfdackel. Es sei endlich Zeit für eine spirituelle Politik, für mehr Esoterik und Schwingung im Alltag, frohlocken Die Violetten. Jede Glaubensrichtung willkommen. Peace, Du!
 
Etwas weniger offen in Religionsfragen ist die Christliche Mitte. Laut Programm steht sie für ein "Deutschland nach Gottes Geboten". Aber auch für Schwulenhass, Judenmissionierung, Nationalsozialismusverharmlosung und ein Verbot sexueller Aufklärung von Jugendlichen. Ach ja: Und sie prangert religiösen Fundamentalismus an. Selten wusste eine Partei so genau, wovon sie redet.
 
Kommen wir schließlich zur Kernkompetenz in Sachen Landwirtschaft und damit zur Tierschutzpartei. Die Lage der Nutztiere habe sich in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter verschlechtert, Schuld sei - logisch - die Profitgier der Agrarlobby. Doch dagegen hat die Tierschutzpartei ein Rezept: "Von unserem Selbstverständnis her sehen wir uns als wichtigen Teil der Tierrechtsbewegung [...] Es geht allem voran um das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Diesem Ideal kommt der sogenannte tierlose Landbau am nächsten, wo aus ethischen Gründen auf Tierhaltung [...] verzichtet und das Obst und Gemüse ohne Dünger tierlicher Herkunft ökologisch erzeugt wird." Kurz: Die Revolution des Prinzips der Nährstoffkreisläufe. Echtes Sendungsbewusstsein lässt sich eben von so etwas Banalem wie Naturgesetzen nicht aufhalten.
 
Es gäbe noch mehr Merkwürdiges zu berichten aus der Welt der Parteien und ihrer Ideen. Und so manche Kuriosität findet sich nicht nur bei den ulkigen Splitterparteien. Fragen Sie mal die Pappkameraden mit dem Perlweißlächeln.
Sabine Leopold
 
 
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