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Aufs Korn genommen

Aufs Korn: Und jetzt zur Werbung

von , am
25.04.2013

Werbung informiert. Und Werbung nervt. Und manchmal unterhält sie sogar. Auf jeden Fall aber hat Werbung meist wenig mit der Realität zu tun. Das fand auch ein Kommunikationsdesigner aus Dortmund und kreierte eine schonungslose Plakataktion für vegane Ernährung. Ohne falsche Romantik. Und ohne jeden Realitätsbezug.

Werbung hat - zumindest im besseren Falle - eine Botschaft. Und die soll sich einprägen.  Unauslöschlich. Sie wissen schon: "Carglass repariert, Carglass tauscht aus ..." Wenn Sie jetzt gerade fröhlich mitgesummt haben, aber auch, wenn Sie in einem Anfall blinder Wut an der Schreibtischkante kauen, hat die zuständige Agentur ihr Ziel erreicht. Echte (und wahrscheinlich ziemlich teure) Profiarbeit eben.
 
Ein solcher Werbeprofi ist auch der Kommunikationsdesigner Denis Becker. Für seine Diplomarbeit an der Fachhochschule Dortmund suchte der 36-Jährige ein spektakuläres Thema und wurde fündig beim Motiv Ernährung und Tierschutz. Plakate für eine vegane Ernährung nannte Becker seine Arbeit (zu bewundern unter www.denisbecker.com). Dafür kombinierte er jeweils ein leckeres Fleisch- oder Eierrezept mit einem Fotohintergrund, der die "typische" (Massen-)Tierhaltung in deutschen Ställen zeigen soll: Blutige Schweine, lahme Kälber, federlose Hühner - dicht gedrängt in finsteren, mistverschmierten Ställen. Der zugehörige Text ergänzt die Bilder, damit auch der letzte ignorante Fleischesser begreift: fensterlose Hallen, Leistungsförderer, präventive Antibiotikagabe, gebrochene Beine, offene Wunden, kein Ausmisten während der gesamten Mastzeit ... das ist deutsche Landwirtschaft!
 
Die Diplomarbeit kam vor allem in Sachen Eigenwerbung sehr gut an. Nicht nur, was die Benotung anging (1,0), auch jenseits der ehrwürdigen Fachhochschulmauern erregte die Plakataktion Aufmerksamkeit. Ende März widmete Spiegel online dem Designer und seiner Veganer-Werbung einen freundlichen Artikel. Und ließ Becker selbst zu Wort kommen: Nein, ein Heiliger sei er nicht, er versuche aber, ohne alles Tierische auszukommen. Und wie die deutsche Lebensmittelindustrie mit dem Rohstoff Tier umgehe, das passe ihm nunmal nicht. Daher, so erklärte Spiegel-Redakteur Christoph Titz, habe Becker sich von Tierschützern Bilder aus deutschen Mastställen besorgt und sie mit "Fakten" aus der hiesigen Fleischerzeugung garniert. Und im Impressum der online-Plakataktion kann man nachlesen, woher die Fotos stammen. Die Quelle überrascht kaum: PeTA Deutschland.
 
Ich wollte es aber genauer wissen und habe bei Denis Becker nachgefragt: Ob er mehr zu den Fotomotiven und der Aufnahmesituation sagen könne und ob er deutsche Tierställe auch aus eigener Ansicht kenne, solch unhaltbare Zustände gar selbst beobachtet habe. Meine ehrliche Antwort auf seine knappe Gegenfrage, wofür überhaupt ich denn diese Informationen benötige, beendete jede weitere Kommunikation mit dem Kommunikationsdesigner.    
 
Dennoch wird man fündig, wenn man nach Beckers Beweggründen für seine melodramatischen Werbetafeln sucht. Auf seiner Internetseite erklärt er, was ihn an Werbung im Allgemeinen so stört: Die Falschdarstellung von Fakten. "Besonders auffällig ist dabei, wie oft Wirklichkeit und Werbung voneinander abweichen, wenn wir uns die Waren und die damit verbundenen Hintergründe etwas genauer ansehen. [...] Werbung und Realität - Eine trügerische Phantasie."
Wie wahr, Herr Becker. Besser hätte ich’s auch nicht ausdrücken können.
 
Sabine Leopold
 
 
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