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Ausgabe März 2014

Berliner Kreise: Berlin, Berlin, sie fuhren nach Berlin...

von , am
28.02.2014

Rund um die Grüne Woche 2014... Wir zeigen, was los war.

Menschen, Tiere, Sensationen - der große Zirkus "Grüne Woche" ließ auch in diesem Jahr keine Wünsche offen. Wo sonst ist eine Landesministerin zu erleben, die zwar kein Geld für eine Beteiligung an der nach eigenen Angaben weltweit größten Agrarschau lockermachen kann, aber nahezu zeitgleich zu den Grüne-Woche-Eröffnungsfeierlichkeiten und nur wenige Kilometer entfernt einen Empfang für mehrere hundert Gäste aus dem befreundeten Teil des Agribusiness veranstaltet? Wo anders als unter dem Berliner Funkturm gibt es einen nicht vegetarischen Ressortkollegen zu bestaunen, dessen konventionelle, ökologische, bäuerliche, industrielle und sonstige Landwirtschaft im Lande zwar überwiegend von der Veredlung lebt, der jedoch weder mit einer sturmfesten Bratwurst in, noch einem erdverwachsenen Fleischermeister an der Hand gesehen, geschweige denn fotografiert werden möchte? Weniger kurios als erstaunlich und beileibe nicht selbstverständlich in einer zunehmend zu Extrempositionen neigenden NGO-Szene ist da schon ein Tierschutz-Präsident, der sich ausdrücklich zum Fleischverzehr bekennt - und sich das auch ansehen lässt.

Erstaunlich war auch der erste - und wie sich unerwartet schnell zeigte, vorerst letzte - Auftritt eines Bundeslandwirtschaftsministers Hans-Peter Friedrich auf der Grünen Woche. Es ist nicht ohne Chuzpe, dass Friedrich für das Ressort die Bezeichnung "Wirtschaftsministerium für den ländlichen Raum" schuf. Wahrscheinlich wusste Kabinettskollege und Vizekanzler Gabriel bis dato noch gar nicht, dass sein Einflussbereich an den Stadtmauern endet. Ohnehin hätte man eher erwarten können, Friedrich versteht sich angesichts eines Anteils von 70 % für die agrarsoziale Sicherung an seinem Budget als der Sozialminister für den ländlichen Raum. Von derlei Feinheiten lässt sich der forsche CSU-Politiker aber offensichtlich ebenso wenig ins Bockshorn jagen, wie von fehlenden Zuständigkeiten, nicht vorhandenen Federführungen oder ausgebliebenen Mittelaufstockungen. Gewählt wird stattdessen die in jahrelangem Kampf gegen Verfassungs- und sonstige Feinde erprobte Vorwärtsverteidigung: Begriffe prägen, Themen besetzen, Pflöcke einschlagen.

Die neue Offensive war geradezu mit Händen greifbar. Nach den Umständen geschuldeter mehrjähriger Enthaltsamkeit wurden wieder nach Herzenslust Weinköniginnen geküsst, Hopfenprinzessinnen gedrückt und Milchmädchen umarmt. Gleich mit umarmt wurden von Friedrich auch die - je nach Zählweise - 10.000 oder 30.000 Demonstranten, die sich traditionell abseits der Grünen Woche inmitten des Regierungsviertels versammelt hatten, und erneut wenig gute Haare an dem überwiegenden Teil der dort zur Schau gestellten Landwirtschaft und der sie begleitenden Agrarpolitik der Bundesregierung ließen. Den Bundeslandwirtschaftsminister focht das nicht an. Er deutete die wütende Kundgebung und zornige Parolen kurzerhand als Beiträge zum Weltfrieden und die Demonstration als gutes Zeichen, "dass sich viele Menschen Gedanken über grundlegende Fragen der Ernährung machen." Offenbar aus seiner früheren Ministertätigkeit wenig mit denkenden Demonstranten vertraut, betonte Friedrich zugleich die Notwendigkeit, miteinander zu kommunizieren. Kommunikation sei entscheidend, so der Ressortchef, "um gemeinsam zu guten Lösungen zu kommen."

Wenn sich da mal nicht der erste tiefere Graben zum Deutschen Bauernverband (DBV) und dessen Spitze in Person seines Präsidenten Joachim Rukwied aufgetan hat. Der hat in seiner Funktion immerhin schon die zweite Anti-Agrarindustrie-Chemie-Antibiotika-Massentierhaltungs-Spaltenboden-Qualzucht-Gentechnik- und sonstige Landwirtschafts-Demonstration erlebt und es offenbar satt. Bereits im Vorfeld hatte sich der Bauernpräsident sichtlich genervt von überwiegend sinnfreien, aber gewohnt öffentlichkeitswirksamen Angriffen auf den Berufsstand in den Schmollwinkel verzogen, und den Übelmeinenden unter den Kritikern die kalte Präsidentenschulter gezeigt. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Noch goldener ist allerdings nach jüngsten Erfahrungen das Singen. Das zumindest hat die auf der Grünen Woche traditionell feier- und sangesfreudige Landjugend unter Beweis gestellt. War es doch einigen Aktivisten aus dem Anti-Lager tatsächlich gelungen, das im ErlebnisBauernhof als der Höhle der Agrarindustrie ausgestellte furchterregende Schweinemobil zu erklimmen und sich daran symbolträchtig anzuketten, um der anwesenden Besucher- und Medienschaft ihre vermutlich recht einseitige Sicht auf die gängige Landwirtschaft darzubieten. Allerdings wurden sie von den bereits erstaunlich wachen Landjugendlichen förmlich aus der Halle gesungen. Es gab wahrlich beunruhigendere Nachrichten zum Auftakt dieses Jahres.
 
Redaktion agrarmanager
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