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Kolumne

Berliner Kreise: Die Dinosaurier werden immer trauriger

von , am
27.01.2013

Warum selbsternannte Lobbyisten der Natur die Evolution missverstehen.

"Die Dinosaurier werden immer trauriger" hieß es in den achtziger Jahren in einem Hit des Sängers Lonzo. Als Grund für zunehmende Tristesse der Riesenechsen hatte der Musiker damals den nicht gewährten Zugang an Bord der Arche Noah ausgemacht. Inzwischen könnte auch der Naturschutzbund Deutschland (NABU) als Ursache für die nachlassende Saurierfröhlichkeit dienen. Der Verband vergibt regelmäßig in der politik- und damit nachrichtenarmen Zeit nach Weihnachten den "Dinosaurier des Jahres". "Geehrt" werden Personen, die sich nach Auffassung des NABU vor allem im Umweltschutz als "besonders antiquiert" erwiesen haben. Nach illustren Persönlichkeiten in den Vorjahren wie den RWE-Chefs Großmann und Roels, den Ministern Waigel und Glos und  dem früheren Bauernverbandspräsidenten Sonnleitner war nunmehr Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner an der Reihe.

Der NABU begründet die öffentlichkeitswirksame umweltpolitische Ohrfeige für die CSU-Politikerin in erster Linie mit deren Haltung in den Verhandlungen um die künftige Ausgestaltung der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Anstatt die Entwürfe der  Europäischen Kommission für ein anspruchsvolles Greening als Chance für den ländlichen Raum zu ergreifen, so der Verband, würden sie in den Verhandlungen zunehmend verwässert. Insbesondere die Einführung von ökologischen Vorrangflächen versuche Aigner auszuhebeln. Dabei folge die Ministerin nicht einmal ihrem "wissenschaftlichen Beraterkreis", der eine klare Ausrichtung öffentlicher Zahlungen an der Erbringung öffentlicher Leistungen fordere. Hier allerdings interpretiert der NABU die Experten überaus gewagt. Die lassen nämlich kaum ein gutes Haar an den Brüsseler Reformvorschlägen im Allgemeinen und dem Greening-Konzept im Besonderen. Das sei weder effektiv noch effizient und obendrein nicht in der Lage, einen nennenswerten Beitrag zur Bewältigung künftiger Herausforderungen und gesellschaftlicher Erwartungen zu erbringen. Anstatt die Weichen für eine gezielte Förderung von Leistungen der Landwirte zu stellen, manövrierten die begrünten Direktzahlungen die gemeinsame Agrarpolitik immer tiefer in die Sackgasse, heißt es beim Wissenschaftlichen Beirat der Ministerin. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund scheint deren Widerstand gegenüber einer pauschalen Maßnahme nachvollziehbar, die in ihrer Zielgenauigkeit einem Biathleten nahekommt, der zum Scheibenschießen eine Schrotflinte verwendet.

Der "Dinosaurier des Jahres" für Ilse Aigner? Die verweist gebetsmühlenartig auf die inzwischen nach mehrjährigem Gleitflug erreichte entkoppelte und regional einheitliche Flächenprämie in Deutschland für Acker- und Grünland. Eine ähnlich weitgehende Umsetzung einstmals gefeierter Brüsseler Beschlüsse von anderen EU-Ländern zu verlangen, erscheint weniger antiquiert als legitim. Antiquiert wirkt stattdessen die Forderung des NABU, die EU-Agrarpolitik müsse „den schädlichen Strukturwandel zu Lasten einer vielfältigen Kulturlandschaft“ stoppen. Die GAP als Ursache für eine mancherorts zu Recht beklagte "Vermaisung" der Landschaft? Oder ist die vielleicht doch eher die Folge einer überzogenen und von Umweltverbänden gepuschten Biogasförderung? Für ein wenig Selbstreflexion könnte vielleicht einmal ein "Dino des Jahres" an NABU-Präsident Olaf Tschimpke sorgen. Auch der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Prof. Hubert Weiger, wäre im Übrigen ein preiswürdiger Kandidat, vermutet der doch seit Jahrzehnten hinter jedem Bestand mit mehr als 100 Mastschweinen eine "Agrarfabrik".

Da solcherlei Einkehr von Verbandsoberen, die im harten Wettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit und massentaugliche Schlagzeilen im umkämpften Verbändemarkt stehen, allerdings kaum zu erwarten ist, sollte sich die Ministerin ein Beispiel an den Dinosauriern nehmen. Die gelten inzwischen in der Wissenschaft beileibe nicht mehr als antiquiert, sondern als "Erfolgsmodell der Evolution". Immerhin 170 Millionen Jahre dauerte die Herrschaft der Dinos über die festländischen Ökosysteme dieser Welt, bevor sie vor 65 Millionen Jahren von der Bildfläche verschwanden. Keine schlechte Perspektive für eine Politikerin mit Ambitionen auf den Regierungsthron im Freistaat Bayern.
 
Redaktion agrarmanager
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