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Ausgabe Mai_2015

Berliner Kreise: Grau ist alle Theorie?

von , am
02.05.2015

Was passiert, wenn man Felsen ins Wasser wirft?

Soweit bekannt, sind in Hohenheim, Göttingen, Braunschweig oder anderen Leuchttürmen der deutschen Agrarökonomie aktuell keine Scheiben zu Bruch gegangen wie weiland 1962. Damals hatten aufgebrachte Landwirte in Göttingen ihrem Unmut über ein Gutachten von acht Professoren und deren Forderung nach einer Radikalkur für die Agrarpolitik samt Absenkung der staatlich gestützten Agrarpreise handfest und klirrend Ausdruck verliehen. Auch jenseits des Steinewerfens sind die berufsständischen Akademikerattacken nicht mehr das, was sie mal waren. Zugegeben, die langjährige Bauernverbandsforderung, Wissenschaftler zu Weltmarktpreisen zu bezahlen, hat angesichts der Preishausse auf internationalem Parkett bei den Betroffenen an Schrecken verloren. Aber die eine oder andere Forderung nach regionalen Bestandsobergrenzen für Agrar-ökonomen und Abriss von akademischen Wolkenkuckucks-heimen hätte man schon erwarten dürfen.

Stattdessen begnügten sich die Hauptadressaten des jüngsten Gutachtens "Wege zu einer akzeptierten Nutztierhaltung", das der Wissenschaftliche Beirat Agrarpolitik beim Bundeslandwirtschaftsministerium vorgelegt hat, mit dem wenig überraschenden Hinweis, sie seien weit davon entfernt, die darin skizzierten Umbaupläne gutzuheißen, geschweige denn, die aufgezeigten Wege zu beschreiten. Alles andere hätte allerdings sehr verwundert und die Damen und Herren Professoren in tiefe Selbstzweifel stürzen müssen, ob ihr Tun hinreichend ernst genommen wird. Dennoch ist den 14 Beiratsmitgliedern ein wenig der Schreck in die Glieder gefahren ob des recht böigen Gegenwindes von der einen und des Zuspruchs von der anderen Seite. Man sei nicht überrascht von der breiten Resonanz, die das Gutachten hervorgerufen habe, sagt Beiratsvorsitzender Harald Grethe. Allerdings wehrt sich der Professor aus Hohenheim gegen den einen oder anderen Pauschalvorwurf und eine allzu einseitige Auslegung.

Als geradezu ehrverletzend wertet Grethe die vom Deutschen Bauernverband und anderen zu Protokoll gegebene Auffassung, das in dreijähriger akademischer Fleißarbeit entstandene 400-Seiten-Werk Deutschlands renommiertester Agrarökonomen und Tierwissenschaftler sei unwissenschaftlich, die darin empfohlene Rosskur geradezu leichtfertig. Der Vorwurf ist aber auch ungerecht! Ähnliches gilt für die von anderer Seite an den Tag gelegte Praxis des Rosinenpickens mit der Tendenz zum Zurechtbiegen wissenschaftlicher Aussagen für eigene Zwecke. Vertreter des Ökolandbaus wollen im Gutachten die Empfehlung gefunden haben, der Ökotierhaltung gehöre die allein seligmachende Zukunft. Mit dieser Einschätzung stehen sie ebenso allein auf weiter Flur wie selbsternannte Interessenwahrer bäuerlicher Landwirtschaft. Nach deren Lesart erteilt der Beirat Großbeständen und einem weiteren betrieblichen Wachstum eine Absage. Tatsächlich warnen die Wissenschaftler hingegen ausdrücklich vor einer Verengung der Diskussion auf die Betriebsgröße. Die sei für das Tierwohl nur von untergeordneter Bedeutung.

"Wem es in der Küche zu heiß ist, der sollte nicht Koch werden", ist der Beobachter geneigt, den mit dem politischen Geschäft wenig vertrauten, aber umso mehr am niveauvollen Austausch der Argumente interessierten Wissenschaftlern zu raten. Dass deren Gutachten heiß diskutiert werden würde, dürfte auch Bundesminister Christian Schmidt geahnt haben. Kurzerhand ließ er sich bei der Entgegennahme des Gutachtens wegen anderweitiger Verpflichtungen entschuldigen und von seinem Staatssekretär Peter Bleser vertreten. Dessen wohlgesetzte Worte beim offiziellen Übergabetermin waren hohe Kunst der freundlichen, aber völlig inhaltsleeren Politikerrede. Immerhin kam Bleser zur Einsicht, mit dem Gutachten habe der Beirat "keinen Stein, sondern einen Fels" ins Wasser geworfen.

Sicher ist, die dazugehörigen Wellen haben die politischen Stellen inzwischen erreicht, wenn die nicht sogar schon vorher ein Rauschen vernommen hatten. In einem von ihren führenden Agrariern entworfenen Papier spricht die Unionsfraktion von mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz für bestimmte Haltungsbedingungen und fehlendem Verbrauchervertrauen. Veränderungen seien unvermeidlich, um die Zukunftsfähigkeit der Land- und Ernährungswirtschaft zu gewährleisten. Tue man nichts, drohe dem Agrarsektor eine Entwicklung wie der Textilindustrie. Ausdrücklich erkennt man in der CDU/CSU an, dass es gesellschaftliche Wünsche und Anforderungen an die Haltung von Tieren gebe, die über die heute geltenden gesetzlichen Regelungen hinausgehen. Das Professorengutachten von 1962 hat rund 30 Jahre gebraucht, bis wesentliche Teile umgesetzt wurden. Beim Beiratsgutachten von 2015 zur Zukunft der Tierhaltung könnte es schneller gehen.
 
 Redaktion agrarmanager
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