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Ausgabe August_2014

Berliner Kreise: Kehren und leeren

von , am
04.08.2014

Hauptstädtische Gedanken rund um den Mindestlohn ...

Es sind harte Zeiten für Arbeitnehmer, in der Land­- und Forstwirtschaft allemal. Spätestens ab dem 1. Januar 2017 werden sie nicht umhinkommen, für 8,50 € die Stunde Spargel zu stechen und Erdbeeren zu pflü­cken. 8,50 € - hatte bislang nicht die Hälfte genügt und ist je darüber Klage ge­führt worden? Die Branche hat der Mindestlohn par ordre du mufti auch deshalb völlig zu Recht empört, weil sich landwirtschaftliche Arbeitgeber und Gewerkschaft bereits im vorigen Jahr darauf verständigt hatten, 8,50 € erst ab Dezember 2017 zu zahlen. Und nun, 8,50 € bereits elf Monate früher? Unfassbar! Zugegeben, wen inter­essierte in weiten Teilen des Landes schon, was sich historisch überholte Einrichtun­gen wie "Tarifpartner" ausdenken? Aber muss deshalb gleich der Gesetzgeber die Keule schwingen? 
 
Inzwischen haben sich der Gesamtverband der land­- und fortwirtschaftlichen Arbeitgeber und die Arbeitsgemeinschaft der gärtnerischen Arbeitgeberverbände der neuen großkoalitionären Macht des Fak­tischen gebeugt und mit der Industrie gewerkschaft Bauen­ Agrar­ Umwelt sogar erstmals in der Geschichte einen bundesweit gültigen Tarifvertrag geschlossen. Der nämlich schafft die Voraussetzung, 8,50 € tatsächlich erst ab 2017 - und nicht wie sonst üblich - mit Beginn des kommenden Jahres zahlen zu müssen. Hart gerungen und doch verständigt. Immerhin sieht der Stufenplan zum 1. Januar 2017 einen Lohn von 8,60 € pro Stunde vor.
 
Mit Nachdruck warnen weitblickende Branchenvertreter bereits vor den dramatischen internationalen Folgen des hiesi­gen Mindestlohns. Man kann sich leicht ausmalen, dass es angesichts einer Lohn­untergrenze von 3,91 € in Spanien, 3,35 € in Griechenland und 2,92 € in Portu­gal in Zukunft einsam werden könnte auf den Gemüsefeldern und in den Gewächs­häusern von Almeria, der Algarve und auf Kreta. Umgekehrt treibt die schärfsten der Mindestlohn­-Kritiker die Sorge um das Wohl der Erntehelfer um. Sie fürchten, es könnte auf mittlere Sicht eng und enger werden in den Wohncontainern zwischen Nord­- und Bodensee. Gleichzeitig könnte ganzen Industriezweigen aus Mangel an Arbeitskräften im ohnehin gebeutelten Südeuropa buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen werden, ohne dass die Agrarbranche hierzulande hinreichend auf die drohende Marktausweitung vorbe­reitet wäre. Harte Zeiten für Arbeitgeber und Arbeitnehmer kündigen sich an.
 
Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hält diese Befürchtungen von berufsständischer Seite in typischer Politikermanier und in offenkundiger Verkennung der Realität für übertrieben. Be­kanntermaßen seien sich Gurkenanbauer und Spargelproduzenten im Bauernver­band nicht grün, argumentiert der CSU­ Politiker. Im Ergebnis werde mal wieder alles schlecht geredet oder - noch schlim­mer - ignoriert, was er mit Arbeitsminis­terin Andrea Nahles an Bahnbrechendem zum Wohle des Ganzen noch verabredet habe. Gemeint sind eine Verlängerung der versicherungsfreien Beschäftigung von 50 auf 70 Tage, die Haftungsfreistellung für deutsche Arbeitgeber bei nichtstimmigen ausländischen Sozialversicherungserklärungen und die Anrechnung von Kost und Logis auf den gesetzlichen Mindestlohn. Nicht unerwähnt bleiben sollte an dieser Stelle, dass sich Schmidt seit seinem Amts­antritt nicht gerade als Wohltäter für die ihm untergebenen Beschäftigten hervor­getan hat. Politischen Beamten, die teilweise seit Jahrzehnten unter wechselnder Farbgestaltung ihre Pflicht und mehr als das tun, wird der wohlverdiente einstwei­lige und vorzeitige Ruhestand ebenso vorenthalten wie sonstigen Amtsträgern im Umfeld des Ressortchefs, die sich bei Ministerwechseln üblicherweise sehr schnell und sehr gern auf der geruhsamen Aus­wechselbank wiederfinden. Den CSU­Poli­tiker ficht dies offenkundig nicht an; gera­dezu erbarmungslos hält er weitestgehend an den ihm Übergebenen fest.
 
Dass es auch anders geht und grundle­gende Bedürfnisse der Beschäftigten sehr wohl mit dem - in diesem Fall - Ver­bandswohl in Übereinstimmung gebracht werden können, zeigt indes die neue Füh­rung des Deutschen Bauernverbandes. Dem - gefühlt seit Menschengedenken - vorallem als General­ und weniger als Sekretär tätig gewesenen Helmut Born wollte sie eine Tätigkeit bis zum bitteren Eintritt in den Ruhestand nicht zumuten und bahnte ihm stattdessen den Weg in den vorzeitigen Abschied. Ähnliche Fürsorge wird mittlerweile auch anderen Knechten und Mägden im Berliner Haus der Land­- und Ernährungswirtschaft zuteil. Fachbe­reichsleiter erhalten endlich die Chance, sich ohne Reue neuen Herausforderungen im Berufsleben zu stellen. Niederen Rängen wird die Möglichkeit eröffnet, neue Lebens­- und Berufserfahrungen in Berlin, Brüssel oder sonstwo auf der Welt zu sammeln. Die neuen Besen, sie kehren und leeren.

 
Redaktion agrarmanager
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