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Ausgabe September_2014

Berliner Kreise: An den Taten sollt ihr sie erkennen

von , am
27.08.2014

Ab in den Urlaub.

Sommerzeit - Reisezeit. Was dem
Bundesbürger mit Ausnahme der
Landwirte recht ist, ist dem gemeinen
Bundesminister billig. Es sei denn, er heißt Christian Schmidt und ist seines Zeichens für die großen Fragen von Landwirtschaft und Ernährung zuständig. Die Chefin auf Festspielreise in Bayreuth und Salzburg, ihr Agrarminister beim 140. Pichelsteinerfest, immerhin dem größten Volksfest im Bayerischen Wald. Der Vizekanzler auf Usedom, Schmidt bei der BR-Radtour im heimatlichen Obernzenn und kurz drauf auf Jakobswanderung von Kehlheim nach Weltenburg. Nach rund einem halben Jahr im Amt weiß der unverhofft zu Ministerwürden gelangte CSU-Politiker, was das Wahlvolk von ihm erwartet.

Ohnehin dürfte der fleißige Herr Schmidt die Zeit zwischen Pichelstein und Weltenburg
zu weiterem eingehenden Aktenstudium nutzen. Inzwischen gibt es in Berlin und darüber hinaus kaum einen Funktionsträger aus dem Agrar- und Ernährungsbereich mehr, mit dem sich der Minister erstens nicht bereits lange und wiederholt ernsthaft und intensiv ausgetauscht und der sich zweitens nicht ungefragt schwer beeindruckt von dessen hoher
fachlichen Kompetenz und tiefen Detailkenntnis gezeigt hätte. Dies gilt in besonderer Weise für solche Agrarier, die schon länger im Geschäft sind und den einen oder anderen Vorgänger oder die eine oder andere Vorgängerin in Schmidts Amt erleben durften. Wann gab es schon mal einen Landwirtschaftsminister, der vorbereitet in Gespräche geht und dem obendrein die Milchfettkorrektur ebenso geläufig ist wie die A1-Bescheinigungen für ausländische Erntehelfer und die Derogationsregelung? Christian Schmidt - der  Minister fürs kleine Ganze.

Lediglich notorische und berufsmäßig dazu angehaltene Nörgler geben vorsichtig zu bedenken, der Minister habe bislang ja noch gar nichts entschieden. Friedrich Ostendorff zählt dazu, seines Zeichens grüner Vorkämpfer mit Hang zum Deftigen in der  Auseinandersetzung und erster Oppositionsführer im Feldzug gegen die industrielle
Massentierhaltung, mahnt ein Bekenntnis zum Bäuerlichen an und fordert  Führungsstärke in der Agrarstrukturdiskussion. Leichtes Rumoren ist daneben in der  ewig unzufriedenen Wissenschaft vernehmbar. Deren Primus Folkhard Isermeyer will  eine gewisse Sprach- und Teilnahmslosigkeit des Bundeslandwirtschaftsministeriums hinsichtlich einer dringend gebotenen Nutztierhaltungsstrategie in Deutschland festgestellt haben.

Dass von Wissenschaftlerkollegen und Verbänden sowie Europäischer Kommission
ein gewisser Handlungsbedarf in Sachen Düngeverordnung angemahnt wird, bringt
einen in sich ruhenden Minister ebenso wenig aus der Fassung wie ein ungeduldiger
Koalitionspartner, der nicht müde wird, den Stellenwert der Hofabgabeklausel in Frage zu stellen oder gar das Grundgesetz für eine neue Gemeinschaftsaufgabe ändern zu wollen. Geradezu übernervös erscheinen solche Zeitgenossen, die - kaum wurde die eine Reform beschlossen - schon eine neue und dazu noch grundlegende Diskussion über eine Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik in ferner Zukunft anmahnen. Jeglicher Grundlage entbehren in diesem Zusammenhang vermeintliche Augenzeugenberichte, denen zufolge
der Minister hinter seinem Schreibtisch nur auf Zuruf auszumachen sei, weil er ansonsten
hinter meterhohen unerledigten Leitungsvorlagen sich optisch nicht ohne Weiteres zu erkennen geben könne. Wie dem auch sei, entscheidend ist, was hinten raus kommt.  Wenn es denn kommt…

Spätestens dann dürften Umfragen der Vergangenheit angehören, denen zufolge im Frühsommer ein Bundeslandwirtschaftsminister namens "Christian Schmidt" rund 60% der Landwirte unbekannt war. Zum einen liegt dieser Wert vermutlich mit großem  Abstand unter dem Prozentsatz, der sich bei einer gleichlautenden Umfrage im  allgemeinen Wahlvolk ergeben hätte. Zum anderen sieht der Minister seinen  "unaufgeregten" und daher wenig schlagzeilenträchtigen Politikstil als  Qualitätsnachweis: "Schaum schlagen können andere, ich will greifbare Ergebnisse liefern", so der CSU-Politiker auf dem Deutschen Bauerntag. Schrille Töne eigneten sich zwar für eine "bestimmte mediale Berichterstattung", zur konstruktiven Problemlösung taugten sie hingegen nicht. Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Christian Schmidt hei߅

Derweil arbeitet der Deutsche Bauernverband weiter an des Kaisers neuen Kleidern.
Gemäß den Mottos "never change a winning team" und "l’état c´est moi" gehen die  Abriss- und Umbauarbeiten in der Berliner Geschäftsstelle zügig voran. Noch erschließt sich nicht jedem innerhalb und außerhalb des DBV die Sinnhaftigkeit jeder Maßnahme bis ins letzte Detail. Aber auch hier gilt: Man soll die Küken nicht zählen, bevor sie ausgebrütet sind, vorausgesetzt, es sind noch welche da.
 
Redaktion agrarmanager
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