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Ausgabe März_2015

Berliner Kreise: Zarte Pflänzchen und hohe Ziele

von , am
23.02.2015

Die Grasnarbe der zarten "Frag doch mal den Landwirt"-Pflänzchen hat selbst nach der Dampfwalzenstrategie ehemaliger Parlamentarier keine nachhaltigen Schäden erlitten.

Für Bauernpräsident Rukwied ist die Sache klar: Eine "Graswurzelbewegung" sei das, was sich da "ganz ohne Zutun des Bauernverbandes" entwickelt habe. Immerhin mehrere hundert Landwirte überwiegend jüngeren Alters waren dem Aufruf von drei jugendlichen Kollegen gefolgt, anlässlich der Grünen Woche nach Berlin zu reisen und Flagge zu zeigen. "Wir machen euch satt" statt "Wir haben es satt". Keine schlechte Idee der Junglandwirte, frei nach dem Motto "Frag doch mal den Landwirt" die Kritikerbewegung mit ihrem Anspruch, für "die Gesellschaft" zu sprechen und Alternativen zum Bestehenden zu fordern, erst einmal über das Bestehende aufzuklären, und auf diese Weise deren Protest gegen "Tierfabriken, Gentechnik und TTIP" arg konstruiert und der ländlichen Wirklichkeit entrückt aussehen zu lassen.

Einflussreiche Größen des deutschen Agribusiness sahen das ähnlich und machten aus ihren Herzen keine Mördergrube. Die deutsche Vieh- und Fleischwirtschaft versicherte dem zarten "Frag doch mal den Landwirt"-Pflänzchen im Vorfeld ihre uneingeschränkte Solidarität. Fleischunternehmer Clemens Tönnies, als Aufsichtsratschef von Schalke 04 mit Graswurzeln und deren Platttreten bestens vertraut, signalisierte ebenso ungefragt und öffentlich seine Unterstützung wie Westfleisch-Chef Helfried Giesen und andere. Hatte deren Umarmungsstrategie schon das Zeug, die Frischluftzufuhr gehörig einzuschränken, setzten in der Selbstdarstellung bewanderte Verbands- und Politikprofis bei der eigentlichen Kundgebung der besorgten und gewohnt fröhlichen Junglandwirte noch einen drauf - und sich gemäß der Devise "Unter dem Strich zähl' ich" ins rechte Licht. Offenbar haben Bundestagshinterbänkler nicht so oft Gelegenheit, in der ersten Reihe zu stehen, zumal, wenn Kameras in Betrieb sind. Dies gilt nicht zuletzt für ehemalige Parlamentarier, die auch gut ein Jahr nach der für sie misslich ausgegangenen Bundestagswahl ihren Bedeutungsverlust und den ihrer Partei nicht recht überwunden haben.

Angesichts dieser Dampfwalzenstrategie mag erstaunen, dass die Grasnarbe keine nachhaltigen Schäden erlitten hat, und die "Bauernwiki"-Initiative weiter wächst und gedeiht. Mehr als 10.000 wohlgesonnene Facebook-Nutzer und Hunderttausende Zugriffe auf deren Internetseite sind mittlerweile gezählt. Dagegen kommen ein Konvoi durch das Berliner Regierungsviertel mit 90 Schleppern, eine Kundgebung vor dem Kanzleramt mit altbekannten Warnungen vor "Risiken und Nebenwirkungen der industriellen Landwirtschaft" sowie Plakate mit Parolen à la "TTIP ist doof" schon fast ein wenig altbacken daher, auch wenn sie je nach Warte von 25.000 bis 50.000 Demonstranten begleitet werden. Man darf gespannt sein, wie sich die Dinge entwickeln, wenn man sie sich denn entwickeln lässt …

Unterdessen haben die politischen Lager ihre Schlussfolgerungen aus der gestiegenen öffentlichen Wahrnehmung und den kontroversen Debatten des Agrar- und Ernährungsthemas gezogen. Am weitesten gehen dabei die Grünen, die die Fragen der Nahrungsmittel und deren richtiger oder falscher Erzeugung nach den Worten ihres Fraktionschefs Anton Hofreiter ganz oben auf ihre politische Agenda gesetzt haben. Die Latte wurde dabei erstaunlich hoch gelegt. Die Grünen seien die einzige Partei, so Hofreiter, "die mehr Bäuerinnen und Bauern in Deutschland möchte." Die angestrebte Umkehr des Strukturwandels dürfte der Ökopartei im Erfolgsfall mindestens weltweite Anerkennung und das Recht auf Einträge in sämtliche Geschichtsbücher einbringen.

Nicht ganz so weit gehen CDU und CSU. Den Dingen wollen aber auch die Konservativen nicht ungehindert ihren Lauf lassen. Unverblümt haben sowohl CSU-Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt als auch Unionsagrarsprecher Franz-Josef Holzenkamp einem ungezügelten Größenwachstum eine Absage erteilt, wenngleich ihre Vorstellungen bislang reichlich nebulös sind. Immerhin, so weit geht der norddeutsche CDU-Politiker dann doch, gebe es für Ställe "mit beispielsweise 50.000 Schweinen" keine gesellschaftliche Akzeptanz. Schmidt will in der gebotenen Vorsicht im Hinblick auf Stallgrößen seinerseits nicht ausschließen, "dass es Größenordnungen gibt, in denen die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben kaum noch gewährleistet werden kann." Die agrarpolitische Auseinandersetzung der kommenden Monate dürfte frei nach dem Motto "Welche Agrarstruktur hätten's denn gern?" einmal mehr den Fokus auf Groß und Klein in der Landwirtschaft richten. Spannend dürfte werden, ob die Politik diesmal eine Grenze zwischen akzeptablem "groß" und nicht mehr hinnehmbarem "ganz groß" zieht, und wie sie ein Überschreiten dieser Grenze verhindern will. Zumindest in den letzten 200 Jahren ist das allerdings nicht so recht gelungen.

 
 Redaktion agrarmanager
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