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Ausgabe Juli 2013

Dossier: Kälberaufzucht

von , am
30.06.2013

Was ein Kalb in den ersten Wochen seines Lebens versäumt, holt es nie mehr völlig auf. Diese Erkenntnis macht sich allmählich auch in der Praxis breit. Doch worauf ist zu achten, damit die Kleinsten im Milchviehbetrieb optimale Entwicklungsbedingungen haben?

Milchviehkälber sind ein bisschen wie Menschenkinder: manchmal empfindlicher als man denkt, oft aber auch robuster als man befürchtet. Auf jeden Fall brauchen sie viel Zuwendung und optimale Aufzuchtbedingungen, wenn aus ihnen einmal leistungsstarke, langlebige Milchkühe werden sollen.
Gerade, was die Haltung und Fütterung von Tränkekälbern angeht, hat die Fachwelt in den vergangenen Jahren einen enormen Wissenszuwachs zu verzeichnen. Vieles, was noch vor wenigen Jahren an Landwirtschaftsschulen und Universitäten als gute fachliche Praxis gelehrt wurde, ist heute überholt, manchmal haben sich die Empfehlungen sogar ins Gegenteil gewandelt.
 
Besonders gravierend ist diese Entwicklung hinsichtlich der Tränkeversorgung in den ersten Lebenswochen. Galt früher eine streng restriktive Fütterung als Gebot von Effektivität und Tiergesundheit, empfehlen Fachleute heute eindringlich, Kälber von Anfang an satt zu füttern und dabei weder an der Tränkemenge, noch an der Tränkekonzentration zu sparen. Und das Konzept bewährt sich: Die Tiere wachsen schneller, entwickeln sich stabiler und - auch das beweisen erste Untersuchungen - steigen mit besseren Leistungen in die erste Laktation ein.

Doch satt tränken bedeutet auch öfter füttern. Mit den bislang üblichen zwei oder drei Mahlzeiten am Tag ist es nicht mehr getan. Der erhöhte Betreuungsaufwand geht zulasten der Personalkosten - vor allem in größeren Beständen, wo gleich Dutzende wenige Tage alte Kälber in Einzelboxen auf die nächste Milchration warten. Aber auch für diese Altersgruppe gibt es inzwischen vollautomatische Lösungen, angelehnt an die längst etablierten Gruppentränkautomaten.
 
Auch beim Thema Haltung gilt nicht mehr, was mancher von uns noch eingetrichtert bekam. Kälber brauchen Luft, Licht und Bewegung, und nichts schadet ihnen mehr als warmer Stallmief. Ob moderne Systemiglus oder die einfache Variante aus Strohballen - solange es nicht zieht und die Einstreu schön trocken ist, gilt: Raus mit dem Kindergarten! Und gerne auch ein bisschen weiter weg vom Kuhstall. Denn selbst wenn das längere Wege bedeutet - räumliche Entfernung schützt die Jungtiere vor
den Krankheitskeimen der älteren Tiere. Eine strikte Bewirtschaftungshygiene, ein sorgfältig abgestimmtes Impfprogramm und schnelles Reagieren im Ernstfall tun ein Übriges, Kälber vor Grippe, Durchfall und Co. zu schützen und ihnen so alle Chancen einzuräumen, gesunde Milchkühe zu werden. Und die verdienen am Ende das Geld für den Milchviehbetrieb.
 
Wer also bei den Kleinen nicht knausert, bekommt seine Investitionen in deren Wohlbefinden später mit Zinsen zurück.
 
Sabine Leopold, agrarmanager-Redakteurin
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