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Ausgabe April_2015

Dossier: Jede Menge Baustellen

von , am
24.03.2015

Im Dossier Pflanzenschutz finden Sie Informationen zum befürchteten Kahlschlag im Wirkstoffbestand, zum Fungizideinsanz in Getreide, zur Resistenzforschung, zur sensorgestützten Ausbringung von Wachstumsreglern und zu neuen Entwicklungen bei der Applikationstechnik.

Die Situation im Pflanzenschutz kommt mir ein bisschen so vor wie mein täglicher Weg zur Arbeit: Lauter Straßen in ungeheuerlich schlechtem Zustand, deren schlimmste Löcher mit einem Baustellenschild versehen und irgendwann gestopft werden. Meist ist die Haltbarkeit solcher Notmaßnahmen eher begrenzt.
Schauen wir uns doch mal die größten Baustellen im Pflanzenschutz an: Da wäre zunächst die schon seit Jahren schwelende Umgestaltung der EU-Pflanzenschutzgesetzgebung, die vor allem im Bereich Zulassung und Anwendung von Wirkstoffen und Produkten dramatische Auswirkungen haben wird. Vor allem das grundlose Verdrängen eigentlich zugelassener Wirkstoffe, die als "Substitutionskandidaten" den Behörden entbehrlich scheinen, reißt mit Wucht neue Schlaglöcher in die ohnehin marode Straße. Denn die Verengung des Portfolios führt schnurstracks zum nächsten Problem, mit dem Landwirte und Pflanzenschutzmittelhersteller zu kämpfen haben: Immer mehr Wirkstoffe verlieren ihre Durchschlagskraft, resistente Schaderreger und Unkräuter machen ganze Anbauplanungen zunichte. Und als wäre das noch nicht genug, kommt auch aus den Laboren der forschenden Industrie besorgniserregende Kunde. Denn deren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen können mit den Wirkstoff-Verlusten nicht Schritt halten, die Pipelines sind leer. Waren vor fünfzehn Jahren noch 90 neue Wirkstoffe bei den forschenden Herstellern in Entwicklung, so sind es heute gerade mal noch 28. Und fraglich ist ja noch, wie lange sich die global agierenden Firmen für den europäischen Markt überhaupt noch interessieren. Ein neuer Wirkstoff braucht zehn Jahre und kostet 200 Mio. Euro - und das alles für ein Produkt, das man am Ende vielleicht nicht mal zugelassen bekommt? Kein Wunder, dass die Forschungsausgaben in der EU in den letzten zehn Jahren um 15 % gesunken sind, während sie weltweit ansonsten stiegen.

Auch wenn wir diese Argumente in den letzten Jahren alle vielleicht schon einmal zu oft gehört haben, deshalb sind sie ja nicht weniger wahr: Wir brauchen den Pflanzenschutz als Instrument eines innovativen, effizienten Pflanzenbaus. Ebenso, wie wir die anderen Instrumente brauchen: Züchtung, Bodenschutz, Technik, Düngung, Precision Farming … Wir stehen vor solch riesigen Herausforderungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten, dass wir uns einen Verzicht auf eines dieser Instrumente überhaupt nicht leisten können. Die wachsende und reicher werdende Weltbevölkerung braucht die auf mitteleuropäischen Gunststandorten produzierten Lebensmittel. Der Klimawandel wird hier vielleicht nicht so stark wie in anderen Weltregionen die Produktion erschweren, dennoch müssen wir uns auf die Veränderungen einstellen.

Kurz: Die Probleme sind groß, doch Resignation ist keine Option. Baustellen sind dazu da, fertiggestellt zu werden!

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Catrin Hahn, Redakteurin agrarmanager
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