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Ausgabe Dezember 2013

Editorial: Wir lassen uns von Fanatikern den Dialog nicht kaputtmachen

von , am
29.11.2013

Egal, ob es um Pflanzenschutz, Tierwohl oder Ernährungsqualität geht: Bei landwirtschaftlichen Themen scheinen zunehmend Ideologen das Wort zu führen. Menschen, die ihre persönliche Lebensvorstellung zum Dogma erheben möchten, die Argumente durch Pathos und Wissen durch Emotionen ersetzen. Diesen Fanatikern die Diskussionsplattformen zu überlassen, ist gefährlich.

Liebe Leser,
 
Ende Oktober verbreitete der BUND ein höchst fragwürdiges Video gegen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Unter dem Slogan "Pestizide. Hergestellt um zu töten." zeigte der Film eine märchenhafte Welt, in der glückliche Kleinkinder auf Feldern wachsen und schließlich von Spritzmittelfliegern vergiftet werden. Das Video hat unter Landwirten und Agrarfachleuten erneut die Diskussion entfacht, inwieweit es sich angesichts solch scheinheiliger Demagogie überhaupt noch lohnt, vernünftig zu argumentieren. Hat Fanatismus längst den Dialog kaputtgemacht?

Zweifelsohne wird der Ton immer aggressiver. Die agrarmanager-Redaktion hat das in den vergangenen Wochen zu spüren bekommen. Unsere November-Glosse über das Tierheim "Hof Butenland", das sich als Zukunftsbild der Landwirtschaft feiern lässt, hat ­– neben viel Zustimmung und vereinzelter sachlicher Kritik am bissigen Satire-Tonfall – auch die Kräfte auf den Plan gerufen, mit denen sich schon mancher unserer Leser bei der Planung einer Stallerweiterung oder einer Biogasanlage konfrontiert sah. Die Angriffe reichten dabei von unflätigen Beschimpfungen der "Agrarlobby" bis hin zu sehr persönlichen Gewaltandrohungen gegen mich als Autorin.

Was treibt manche Menschen zu solchen Attacken? In vielen – nicht in allen – Fällen dürfte es sich um eine Art virtuelle Hooligans handeln. Krawall-Experten, die auf der Suche nach der nächsten emotional aufgeheizten Protestaktion durch die sozialen Medien tingeln und überall dort beleidigen und hetzen, wo sich genügend Verunsicherungspotenzial findet. Sie sind Katalysatoren, denen es nicht um das jeweilige Thema, sondern ausschließlich um die Eskalation geht. Mit ihnen und einigen blinden Eiferern in ihrem Gefolge lohnt das Gespräch tatsächlich nicht. Doch diese Fanatiker sind in der Minderzahl, auch wenn sie das lautstark zu überspielen versuchen.

Die Mehrheit der Verunsicherten ist schlecht informiert und sucht nicht selten die fehlende Perfektion im eigenen Umfeld in einem Idealbild von Landleben und Nahrungsgüterproduktion. Und sie kompensiert fehlendes Wissen immer öfter durch ausufernde Emotionen. Mit diesen Menschen müssen wir uns auseinandersetzen. Das ist unbequem, kostet Nerven, und die Reaktionen sind nur selten zufriedenstellend und manchmal eben auch beängstigend. Aber Verbraucherfragen zum Thema Tierwohl, Umweltschutz oder Lebensmittelsicherheit sind berechtigt. Und ihre Beantwortung ist für die Gesellschaft zu wichtig, um sie kampflos an die Krakeeler abzutreten. Lassen wir uns von Brandstiftern nicht das Wort verbieten.

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