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Ausgabe Mai_2015

Editorial: Maß halten bei Eingriffen in Grundrechte und Märkte

von , am
03.05.2015

Eine Orientierungshilfe wie den Kompass könnte die Agrarpolitik aktuell gut gebrauchen. Denn ein klares Ziel oder Leitbild lässt sie derzeit schmerzlich vermissen.

Norbert Lehmann, Redaktion agrarmanager
Liebe Leser,

ein Kompass ziert das Titelbild dieser Ausgabe. Er ist das klassische Werkzeug zur Orientierung. Mit dem Kompass bestimmt der Reisende seinen Kurs und findet den Weg zum Ziel. Eine solche Orientierungshilfe könnte die Agrarpolitik gut gebrauchen. Ein klares Ziel oder Leitbild lässt sie derzeit nämlich schmerzlich vermissen.

Die landwirtschaftlichen Unternehmen in der EU werden seit einigen Jahren zunehmend dem internationalen Wettbewerb auf freien Märkten ausgesetzt. Sie reagieren darauf, wie es selbstständige Unternehmer nun einmal müssen - mit betriebswirtschaftlicher Optimierung. Zur gleichen Zeit geht von der Politik in Berlin und einigen Bundesländern aber immer wieder das Signal aus: Strukturwandel ist schlecht; je kleiner die Betriebe, desto sympathischer. Verschiedenste Erwartungen an die Landwirtschaft vom Tier-, Umwelt- und Klimaschutz über die Gewinnverwendung bis zum Verhalten am Boden- und Pachtmarkt werden mit der Diskussion über Betriebsgrößen und Strukturen vermischt. Das ist sachlich nicht gerechtfertigt.

Unsere Reportage aus der Agrargenossenschaft Heideland in Kemberg, Sachsen-Anhalt, zeigt: In großen Beständen lässt sich ein hohes Maß an Tierwohl hervorragend umsetzen. Und bei unserem Besuch der Agrar GbR Groß Kiesow in Mecklenburg-Vorpommern stellt Geschäftsführerin Doreen Riske unter Beweis, ein Ackerbaubetrieb mit über 2.000 Hektar ist sehr wohl in der Lage, auf gesellschaftliche Wünsche nach Naturschutz und Nachhaltigkeit einzugehen.
 
Eine Grenze wird aber überschritten, wenn die öffentliche Hand ihr Bodeneigentum missbrauchen will, um Pächtern die Agrarphilosophie gesellschaftlicher Minderheiten aufzuzwingen. Eine Grenze wird auch überschritten, wenn aus politischer Weltanschauung Kleinbetrieben ein Vorkaufsrecht am Bodenmarkt eingeräumt werden soll. Kaum jemand wird sich wünschen, dass 500 Holdings die gesamte deutsche Ackerfläche bewirtschaften und fünfstellige Milchviehherden die Regel werden. Bei Eingriffen in das Grundstückverkehrsrecht sollte aber genauso Maß gehalten werden wie beim Nachdenken über einzelbetriebliche Tierobergrenzen. Freie Märkte innerhalb rechtlicher Schranken: Ja. Politische Märkte: Nein, danke. Es ist Zeit für eine klare agrarpolitische Kursbestimmung.
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