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Ausgabe August_2014

Editorial: Netzausbau zu fairen Bedingungen

von , am
04.08.2014

Der Netzausbau für die erneuerbaren Energien ist nicht zu umgehen. Doch er muss zu fairen Bedingungen für die Belasteten erfolgen.

Norbert Lehmann, Redaktion agrarmanager
Liebe Leser,
 
Deutschland ist eine Industrienation. Die Leistungsfähigkeit dieser viertgrößten Wirtschaftsmacht weltweit - und damit unser aller Wohlstand - hängt unter anderem von einer stabilen Stromversorgung ab. Sie hält die Fließbänder am Laufen, den Milchtank kühl und die Ferkel warm. Darum ist es unvermeidlich, das Leitungsnetz anzupassen an den schrittweisen Umstieg von fossilen und atomaren Kraftwerken auf Wind­-, Solar­-und Bioenergie. Neue Verbindungen müssen geknüpft, bestehende verstärkt und ein überregionaler Stromtransport erleichtert werden.
 
Vielerorts stößt der Netzausbau jedoch auf Widerstand. Teilweise ist blanker Egoismus das Motiv. Wer schaut schon gern auf eine Hochspannungsleitung? Das ist persönlich nachvollziehbar. Das Wohl der Allgemeinheit muss hier jedoch Vorrang haben. Anders liegt der Fall dort, wo wirtschaftliche Interessen aufeinander prallen. Deutschland ist eben nicht nur eine Industrienation, sondern auch ein landwirtschaftlicher Gunststandort mit knapper Fläche. Darum ist es weder fair noch ökonomisch klug, die Existenzgrundlage von Agrarunternehmen in den Trassenkorridoren durch übertriebene Eingriffe in ihre Flächenausstattung zu schmälern, dafür auch noch Nnaturschutzausgleichsflächen zu beanspruchen und die wirtschaftlichen Nachteile obendrein vollkommen unzureichend zu entschädigen.

Der Netzausbau muss sein. Das wissen selbstverständlich auch Landwirte. Schließlich haben sie nicht nur selbst erheblich in erneuerbare Energien investiert. Sie beziehen aus der Stromeinspeisung jährlich auch Einnahmen in Milliardenhöhe. Darum agieren die meisten Betriebsleiter, die vom Netzausbau betroffen sind, genauso sachlich und kooperativ wie Heinrich Beutnagel aus Wahle in unserer aktuellen Reportage. Aber nur, wenn die Trassenplaner auf berechtigte Einwände aus der Landwirtschaft hören, wenn auf Ausgleichsflächen verzichtet und angemessen entschädigt wird, stößt der Ausbau des Stromnetzes bei denjenigen, die die Last zu tragen haben, künftig auf mehr Akzeptanz. Denn auch für land­- und forstwirtschaftliche Grundbesitzer gilt, was Horst Seehofer einst in der Diskussion um den Länderfinanzausgleich treffend formulierte: "Wir sind solidarisch, aber nicht blöd."
 
Viel Spaß beim Lesen wünscht
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