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Ausgabe August 2013

Editorial: Sachlichkeit schafft nachhaltiges Vertrauen

von , am
02.08.2013

Wenn sich Landwirte gegenseitig diffamieren, treffen die Konsequenzen über kurz oder lang die gesamte Branche. Der Vertrauensverlust, der so entsteht, ist nur sehr schwer wieder gutzumachen.

Liebe Leser,
 
die landwirtschaftliche Nutztierhaltung hat also jetzt ein verbrieftes Leitbild, eine Art „Hippokratischen Eid“. Und ähnlich wie beim alten Ärzteschwur geht es auch hier um Ethik und Verantwortung im Umgang mit der Kreatur. Doch während für Mediziner das angestaubte Bekenntnis nur noch nostalgische Züge trägt, ist unseres ganz neu, eben erst beschlossen auf dem Deutschen Bauerntag. Tierproduzenten erklären darin ausdrücklich, mit ihren Herden fürsorglich umzugehen, sie artgerecht zu halten und fachgerecht zu betreuen. Und so mancher Landwirt fragt sich, weshalb er das gegenüber der Gesellschaft überhaupt klarstellen muss.
 
Ein Koch kann kochen und ein Schlosser schweißen. Darüber herrscht allgemeiner Konsens - ganz ohne Eid und Leitbild. Womit also haben sich ausgerechnet Bauern hierzulande so viel Misstrauen eingehandelt, dass sie explizit beteuern müssen, ihren Job zu verstehen? Ein Großteil des Problems ist hausgemacht, fürchte ich. Denn das, was an Unterstellung und Verleumdung zwischen Tierhaltern - zunehmend in aller Öffentlichkeit - die Runde macht, muss auf Dauer die ganze Branche demontieren.
 
Jüngstes Beispiel für diese verheerende PR-Arbeit ist eine Kampagne der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) gegen den Bau einer 900er Milchviehanlage bei Oldenburg. Anwohner und Touristen laufen dort Sturm gegen den Neubau, der mit Gestank und Lärm drohe und „nicht in die Region passe“. Die AbL setzt noch einen drauf und bezeichnet den geplanten Stall als „bürgerschädlich“ - spielt also jenen in die Hände, die von einem Landleben ohne Landwirtschaft träumen. Dabei sind die Vorwürfe gegen den Bauantragsteller sehr übersichtlich. Einzig fassbarer Kritikpunkt: die Betriebsgröße. Agrarindustriell sei das und per se tier- und umweltfeindlich. Dass sie mit diesem Pauschalurteil Hunderte deutsche Milchviehhalter diskreditiert und dabei die Untergrenze zur „Massentierhaltung“ immer niedriger zieht, hält die Kleinbauernvertretung offenbar nicht auf. Wer mit seinem Betrieb mehr als die eigene Familie ernährt, gehört an den Pranger. Man stelle sich vor, weil ein paar Straßen weiter eine größere Konditorei einzieht, ruft ein Bäcker bundesweit zum Protest auf und erklärt, wer am Tag mehr als zehn Torten backe, vergifte seine Kunden. Eine Posse wäre das und rufschädigend fürs gesamte Bäckerhandwerk: Gift in deutschen Kuchen!
 
Die deutsche Landwirtschaft muss auch unter Konkurrenzdruck wieder fairer agieren und sachlicher argumentieren. Das schafft nachhaltiger Vertrauen als jede schriftliche Verpflichtung.
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