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Ausgabe Juni_2015

Keine Scheu vor Gegenwind

von , am
28.05.2015

Öffentlichkeitsarbeit für die Landwirtschaft ist mühsam, oft frustrierend, manchmal sogar beängstigend. Dass man darüber trotzdem nicht den Stolz, die Beherrschung und den Spaß verlieren muss, beweisen Nadine und Heinrich Henke und ihre "Brokser Sauen".

© Sabine Leopold, agrarmanager
Es gibt Menschen, deren Energie einen mitreißt. Die man anzapfen möchte, wenn einem selber ein bisschen die Motivation abhanden gekommen ist. Nadine und Heinrich Henke sind solcheMenschen. Der geprüfte Landwirtschaftsleiter und die Tierärztin betreiben ein paar Kilometer südlich von Bremen, in Bruchhausen-Vilsen, eine 1.250er-Sauenanlage nebst Ferkelaufzucht. Wer sich auf Facebook in landwirtschaftlichen Diskussionsgruppen bewegt, wird den beiden Namen virtuell schon begegnet sein. Mehr noch aber sind die "Brokser Sauen" mittlerweile ein fester Begriff in der agrarischen Online-Welt. Mit diesem Facebook-Auftritt  ihres Familienbetriebes haben sich die Henkes vor fast genau zwei Jahren auf eine steinige Piste gewagt, denn die "Brokser Sauen" sollten vor allem eins: Moderne Schweinehaltung in einem konventionellen Unternehmen ungeschminkt zeigen und erklären. Weg vom Schweinchen auf der Wiese, hin zur Muttersau im Ferkelschutzkorb.
 
Dass sie sich damit angreifbar machen, war Nadine und Heinrich Henke selbstredend klar. Wie persönlich und gemein diese Angriffe werden können, haben sie erst lernen müssen. Kaum hatte sich die "Brokser Sauen"- Seite etabliert, klaute ein anonymer Facebook-Nutzer das Profil und startete damit eine Hetzkampagne gegen die junge Familie und ihre Facebook-Aktivitäten. Dass die Angriffe dabei nicht einmal vor Sohn Theis halt machten, hat Nadine Henke erschüttert: "Ich habe Bilder von einer Leistenbruchoperation an einem Ferkel online gestellt und dazu erklärt, warum dieser Eingriff notwendig ist und dass ich als Tierärztin zu einer solchen Behandlung berechtigt bin. Unser kleiner Sohn war auch auf den Bildern zu sehen - ein Landwirtekind, das ganz selbstverständlich mit den Abläufen in einem Sauenstall groß wird." Doch die Betreiber der Fake-Seite interpretierten die Bilder auf ihre Weise: Ferkel würden da ohne Betäubung brutal kastriert und das Kind, von der Rabenmutter zum Helfershelfer gemacht, wüchse so schon  beizeiten zu einem brutalen Tierquäler heran. Eine Wiederholung der tatsächlichen Formulierungen sparen wir uns an dieser Stelle lieber.

Diese Erfahrungen mit der hässlichen Seite der Tierliebhaberei hatten seltsamerweise aber auch etwas Gutes: Deutschlandweit solidarisierten sich andere "Netzlandwirte" mit ihren nordniedersächsischen Kollegen. Sie sprachen Nadine und Heinrich Henke Mut zu, unterstützten sie bei Diskussionen auf der "Brokser"-Seite und meldeten das gestohlene Profil, das sich inzwischen mehrfach umbenannt hatte, bei Facebook. Der Betreiber des sozialen  Netzwerkes löschte letztendlich die Hetzseite, blieb den Henkes aber eine Antwort schuldig auf die Frage, wer hinter dieser Aktion stand. Datenschutz, den Facebook anderswo eher vermissen lässt.

Was am Ende blieb, war die immer enger und vielschichtiger werdende Vernetzung zwischen den Landwirten, die Familie Henke gegen die Mobbing-Attacke unterstützt hatten. Manche davon waren eher Netzneulinge, andere schon alte Hasen, was die Öffentlichkeitsarbeit über soziale Medien anging. Aber in einem waren sich alle irgendwann einig: Das verschobene Image der hiesigen Agrarwirtschaft zurechtrücken können nur die Landwirte selbst. So entstand die Idee zu einer neuen Facebook-Seite: "Frag doch mal den Landwirt" - nicht von ungefähr angelehnt an die ARD-Wissenssendung "Frag doch mal die Maus"- ging am 28. September vergangenen Jahres online und dient seitdem als Präsentationsportal für deutsche Agrarbetriebe  und als Informationsquelle für interessierte Verbraucher zu landwirtschaftlichen Themen.
 
Die erfreuliche Zusammenarbeit mit dem Filmemacher hat die Henkes in ihrer Meinung bestätigt, dass zielstrebige Öffentlichkeitsarbeit sich lohnt. Den Gegenwind der Landwirtschaftsgegner haben sie gelernt auszuhalten,auch wenn es gelegentlich mächtig persönlich wird. Nur wenn es gegen die Kinder geht, endet die Geduld. Ans Aufgeben ihrer Netzaktivitäten denken die beiden trotzdem nicht. "Wenn wir hinschmeißen, leidet doch nicht nur das Ansehen der "BrokserSauen"", sagt Heinrich Henke. "Ein Rückzieherwäre eine Kapitulation vor den Stammtischparolenklopfern,und das schadet allen Landwirten." Dass auch andere das so sehen, hat Nadine Henke gerade hochoffiziell bestätigt bekommen. Vor ein paar Wochen hat die Landwirtschaftliche Rentenbank den "Gerd-Sonnleitner-Preis" für ehrenamtliches Engagement verliehen. Nadine Henke erhielt die Auszeichnung für ihre couragierte Öffentlichkeitsarbeit für eine moderne Landwirtschaft. Eine Anerkennung, die vielleicht ein bisschen zusätzlichen Rückenwind beim nächsten Sturm im Netz verschafft.
 
Im aktuellen agrarmanager stellen wir Ihnen die Henkes vor und zeigen, was Öffentlichkeitsarbeit im Bereich Landwirtschaft bringt. Hier können Nicht-Abonnenten reinschuppern.
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