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Ausgabe September_2014

Kräftemessen trifft die Agrarwirtschaft

von , am
27.08.2014

Noch sind die wirtschaftlichen Folgen des russischen Einfuhrverbots für viele EU-Lebensmittel nicht einzuschätzen. Doch ein Wettlauf um Krisenhilfen hat schon begonnen.

© Aquir - Fotolia.com
Bei einer ersten Bestandsaufnahme der möglichen Auswirkungen des russischen Importstopps durch den zuständigen EU-Verwaltungsausschuss Mitte August in Brüssel machte die Europäische Kommission keine bezifferten Hilfszusagen. Zu unsicher war die Datenlage nur gut eine Woche nach Inkrafttreten des Einfuhrverbots für Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch, Milch und Milchprodukte sowie Obst und Gemüse und Fisch aus der EU, den USA, Kanada, Australien und Norwegen.

Darum will die Kommission in den kommenden Wochen zunächst den Markt beobachten und einen Lagebericht erstellen. Auf dieser Basis könnten die EU-Agrarminister bei  einem Sondertreffen Anfang September über Hilfsmaßnahmen entscheiden. Mit den Mitgliedstaaten sind wöchentliche Konsultationen vorgesehen.

Im vorigen Jahr belief sich der Ausfuhrwert der jetzt blockierten Warengruppen nach
Angaben der Kommission auf fast 5,1 Mrd. Euro. Drei Viertel davon entfielen zu fast  gleichen Teilen auf Milchprodukte, Obst und Fleisch. Besonders betroffen sind Litauen
und Polen, die für 922 Mio. Euro beziehungsweise 840 Mio. Euro Erzeugnisse lieferten, die nun nicht mehr nach Russland eingeführt werden dürfen. Aber auch der deutsche Agrarexport wird in Mitleidenschaft gezogen. Voriges Jahr betrug der Ausfuhrwert der
jetzt verbotenen Exportgüter 597 Mio. Euro. Allerdings haben sich die deutschen  Exporteure bereits früher als andere nach neuen Märkten umsehen müssen. Die russische
Lebensmittelbehörde hatte die Einfuhr von Fleischerzeugnissen und Milchprodukten aus Deutschland im Februar 2013 erheblich eingeschränkt, angeblich wegen Hygienemängeln. Von Januar bis Mai 2014 lagen die deutschen Ausfuhren an Fleisch mit nur noch 9.000 t um fast 90 % unter dem vergleichbaren Vorjahresniveau. Bei Käse war
ein Rückgang von 19.000 t auf 9.000 t zu verzeichnen.

Bewährungsprobe
 
Doch wie sich die Handelsströme nach dem Bann weiter verschieben, wie stark auf einzelnen Produktmärkten der Preisdruck tatsächlich sein wird und wie schnell es gelingt, neue Absatzmärkte zu finden, das wird erst in einigen Wochen zu beurteilen sein. Am drängendsten ist Hilfe für den Obst- und Gemüsemarkt. Das Embargo wird daher zur Bewährungsprobe für die neue Krisenreserve, die im laufenden Haushaltsjahr mit 423 Mio. Euro ausgestattet ist. Die Kommission will daraus in der zweiten August-Hälfte
(nach Redaktionsschluss) Marktrücknahmen durch Erzeugerorganisationen für Tomaten, Gurken, Paprika oder andere leicht verderbliche Waren finanzieren. Möglich wären ferner die kostenlose Abgabe von Erzeugnissen an soziale Einrichtungen und Schulen. Die übrigen Märkte, vor allem Milch und Fleisch, sollen zunächst weiter beobachtet werden.

In jedem Fall vermeiden will die EU-Kommission einen Wettlauf um Hilfszahlungen
ähnlich wie nach der EHEC-Epidemie 2011, als sich einige Mitgliedstaaten gegenseitig
darin überboten, möglichst hoch gegriffene Umsatzverluste zu reklamieren, die sich im
Nachhinein als wenig substanziell erwiesen. EU-Agrarkommissar Dacian Cioloş  bevorzugt darum Maßnahmen der Absatzförderung vor Ausgleichszahlungen. Die Wiedereinführung von Exporterstattungen ist aus politischen Gründen unwahrscheinlich.
  
Norbert Lehmann, Redaktion agrarmanager
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