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Ausgabe August_2015

Es macht Spaß. Und den will ich haben.

von , am
30.07.2015

Einzelkämpfertum ist nicht die Sache von Gabriele Mörixmann. Gemeinsam mit ihren Gesmolder Kollegen hat die Landwirtin innerhalb kurzer Zeit ein Netzwerk rund um die Öffentlichkeitsarbeit in der Landwirtschaft aufgebaut. Auch ein umgebauter Schweinetall spielt darin eine Rolle.

© Friederike Krick
Eigentlich scheint die Welt rund um das niedersächsische Gesmold noch in Ordnung. Die Übergänge zwischen Landschaft und Landwirtschaft sind fließend, die Struktur ist ländlich. Da scheint kein Platz für Konfliktpotenzial. Doch der Eindruck täuscht. "Wir stehen zeitweise wegen unserer Tierhaltung unter kritischem Beschuss", sagt Gabriele Mörixmann, die gemeinsam mit ihrem Mann Stefan (43), den Schwiegereltern und einem Angestellten einen Geflügel- und Schweinemastbetrieb mit Ackerbau und Biogas bewirtschaftet. "Als unsere Söhne Kristen und Maxim das erste Mal mit blöden Sprüchen konfrontiert wurden, war mir klar: Da müssen wir gegensteuern."
 
Sie verstärkte ihr Engagement im Ortslandvolk Gesmold, seit zwei Jahren ist sie dort die 1. Vorsitzende und leitet gemeinsam mit Elmar Warner und Ludwig Hörstmann die Geschicke des Ortsverbandes. Unter dem Slogan "Gesmold und Landwirtschaft im Einklang" entwickelten die dort ansässigen Betriebe, die eine breite Palette landwirtschaftlicher Produktionsrichtungen repräsentieren, ein Informationsangebot für die ortsansässigen Bürger. "Zunächst haben wir uns und unsere Höfe mit einer Plakataktion vorgestellt und die Mitbewohner eingeladen, unsere Betriebe zu besuchen. So sollte der Dialog mit den Verbrauchern in Gang kommen", erinnert sich Mörixmann. 

Schon jetzt organisiert der Ortsverband über 40 Veranstaltungen im Jahr. Es kommen Vereine, Betriebsausflüge, Vorschulklassen und Kindergartengruppen. Jugendliche
nutzen die Möglichkeit, ein Schnupperpraktikum in der Landwirtschaft zu machen.
Sein komplettes Angebot veröffentlicht der Ortsverband Gesmold auf seiner Homepage
www.landvolk-gesmold.de
.  Eine enge Zusammenarbeit besteht auch mit dem Kreislandvolkverband Melle. Dessen Aufruf zum "Tag des offenen Hofes" folgten im vergangenen Jahr neun Gesmolder Betriebe und kamen dabei insgesamt auf 10.000 Besucher.
 
Ende Juni hatte der Betrieb von Elmar Warner zum "Bauernhofflimmern" eingeladen. Wer dahinter dröges Heimatkino vermutete, wurde angenehm überrascht. Gezeigt wurde "Monsieur Claude und seine Töchter" - ein Film, der nun so gar nichts mit Landwirtschaft zu tun hat. Die Aktivitäten ließen sich endlos weiter auflisten: Silvester, Erntedankfest, Feldbegehungen und zweimal jährlich ein Bauernmarkt mit Gesmolder Produkten. ?Uns allen macht das trotz der Mehrbelastung sehr viel Spaß?, sagt Gabriele Mörixmann.
 
Sie wird auch nicht müde, mit Verbrauchern über Produktionsmethoden in der Tierhaltung und über Labels und Markenprogramme zu sprechen. Das liegt ihr besonders am Herzen. So informiert auch die Internetseite des Landvolks Gesmold in Wort, Bild und Video über QS-Standards, regionale Herkunft, Biosiegel, Tierschutzlabel und seit Neuestem über die Initiative Tierwohl. Wenn es nötig ist, übt Gabriele Mörixmann auch Kritik an der eigenen Branche und verwendet dafür deutliche Worte. Das macht sie  glaubhaft und authentisch. So bemängelt sie beispielsweise die ungenügende Bewerbung  der Label-Produkte, ihr fehlen zu oft hilfreiche Informationen für die potenziellen Kunden an der Ladentheke.
 
Auch ohne Preisaufschlag ist im Betrieb Mörixmann das Tierwohl längst zu Hause. "Wie können wir aus einem 37 Jahre alten Stall etwas Brauchbares machen?" Vor dieser Frage stand die Landwirtsfamilie vor zwei Jahren. Herausgekommen ist ein Stall, der in dieser Ausgestaltung wohl einzigartig sein dürfte. Gabriele Mörixmann nennt ihn Aktivstall. 875 Mastschweine finden dort Platz. Die Tiere haben durch die verschiedenen Ein- und Ausgänge die Möglichkeit, acht verschiedene Räume zu erkunden. Das sind im Einzelnen zwei Fressbereiche, ein lichtdurchfluteter Ruhebereich, ein etwas dunklerer Ruhebereich, ein Bällebad mit zwei Schweineduschen, zwei Wühlbereiche und ein Auslauf nach draußen auf die Terrasse. Separat gibt es ein Pflege- und ein Nachmastabteil. Durch die beiden mit Waagen ausgestatteten Schleusen gelangen die Schweine in die Fressbereiche. Über die vier Ausgänge können die Tiere frei wählen, in welchen Ruhe- und Klimabereich sie sich zurückziehen möchten. Sowohl das helle als auch das dunklere Abteil haben einen Ausgang zur Terrasse, auf der sich die Tiere neu vermischen können.

Gabriele Mörixmann hat seit dem Stallumbau interessante Beobachtungen zum Tierverhalten gemacht. So scheinen ranghöhere Schweine die dunkleren Bereiche vorzuziehen. An heißen Tag ist im eingestreuten Laufbereich wenig los, die Tiere ziehen sich lieber auf die kühleren Spalten zurück. Die offenen Tränkebecken werden öfters als Badewanne missbraucht, überhaupt sind Wasser und Duschen der "große Renner" für die Tiere. Die Landwirtin bleibt dennoch realistisch: "Dieser Stall ist der Versuch, in einer Mittelstufezwischen Bio- und konventionellem QS-Standard Fuß zu fassen. Er stellt ganz klar ein wirtschaftliches Risiko dar, denn diese Haltungsform ist teurer." Ein Aktivstall hat ihrer Meinung nach aber viele andere Vorteile. "Wir registrieren deutlich weniger Probleme in der Mast. Das Bisswunden- und Schwanzbeißrisiko wird beispielsweise enorm gesenkt, weil unterlegene Tiere Konfrontationen ausweichen können. Vor allem aber ist dieser Stall so etwas wie ein Türöffner zu den Verbrauchern."
 
Wer jedoch glaubt, die enthusiastische Landwirtin erntet für ihr Engagement und ihre Ideen nur Anerkennung, irrt. Für viele extreme Tierschützer ist selbst dieser Stall nicht akzeptabel. "Mit denen ist Reden aber auch sinnlos", urteilt Gabriele Mörixmann und versucht, die Anfeindungen so weit wie möglich zu ignorieren. Durch ihre Teilnahme an der Initiative Tierwohl hofft die Betriebsleiterin nun, auch die Ökonomie auf ein gesünderes Fundament stellen zu können. Denn für die Landwirtin ist klar: "Trotz aller Mehrbelastung: Es macht einfach nur Spaß, in diesem Stall zu arbeiten. Und diesen Spaß will ich haben."
 
 
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