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Ausgabe Juni_2015

Von Mücken und Elefanten

von , am
28.05.2015

Auch angemessen Angst haben will gelernt sein. Warum wir uns damit oft so schwer tun und was das mit Mücken und Elefanten, Höhlenmenschen und Säbelzahntigern zu tun hat, erklärt Sozialwissenschaftler Klaus Alfs.

© fotolia / Montage: dlv
Es gibt nicht wenige Menschen, die eine Todesangst davor haben, in ein Flugzeug zu steigen. Dieselben Menschen fahren Tag für Tag sorglos mit dem Auto, checken während der Fahrt ihreHandy-Nachrichten, halten kaum Sicherheitsabstand und wühlen bei Tempo 100 hingebungsvoll im Handschuhfach herum. Dass sie auf diese Weise täglich in weit größerer Lebensgefahr schweben als Vielflieger, die munter um den Globus jetten, juckt sie nicht.

Andere unterschreiben Petitionen gegen ein internationales Freihandelsabkommen, weil ihnen "Chlorhühnchen" Bange machen, unternehmen aber nichts gegen Wassergymnastik für Senioren, obwohl die alten Herrschaften im Schwimmbad Chlorkonzentrationen ausgesetzt sind, welche um ein Vielfaches höher sind als die Rückstände in US-amerikanischem Hühnerfleisch.

Junge Leute werfen Drogen ein, saufen sich bei Flatrate-Partys ins Koma, klettern auf fahrenden U-Bahnen herum, tragen Piercings und Tattoos, treiben Extremsportarten, grausen sich jedoch vor Rückständen synthetischer Pflanzenschutzmittel in Obst und Gemüse oder zittern wie Espenlaub vorm Dioxin im Frühstücksei. Während diese Rückstände keinerlei Gesundheitsgefahr bedeuten, leiden etwa 500.000 Menschen in Deutschland an chronischer Hepatitis B. Etwa 30 bis 50% aller Leberkrebs- und Leberzirrhosefälle werden durch Hepatitis ausgelöst. "Aber weil diese Infektion vor allem beim Sport und beim Geschlechtsverkehr, auch beim Piercing und Tätowieren übertragen wird, erntet dieses Risiko kaum mehr als ein Achselzucken", klagt der Statistiker Walter Krämer.

Solche Beispiele zeigen, dass heutzutage eine starke Neigung besteht, aus Mücken Elefanten zu machen und aus Elefanten Mücken. Panisch fliehen die Leute vor dem kleinen Blutsauger durchs Wohnzimmer und bemerken den Dickhäuter nicht, der ihren Garten zertrampelt.

Glaubt man Fachleuten wie dem Psychologen und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman, beruht das merkwürdige Angstverhalten des modernen Bürgers darauf, dass das menschliche Gedankengetriebe zwei verschiedene Gänge hat. Den "Straßengang" und den "Ackergang".

Die Panikmacher in Medien und diversen Interessengruppen haben also unter anderem deswegen leichtes Spiel, weil wir uns am besten merken können, was wir fürchten. Und alles, was wir uns besonders gut merken, halten wir intuitiv für weit verbreitet. Diese Neigung begünstigt gesellschaftliche Kettenreaktionen und ergibt zusammen mit dem Interesse der  Medien, aufsehenerregende Ereignisse möglichst drastisch darzustellen, ein explosives Gemisch. Jede Meldung über ein an sich unbedeutendes Phänomen könnte der Funke sein, der einen Flächenbrand entfacht.

Der letzte dieser Flächenbrände loderte in Deutschland im Winter 2010/2011. Er begann mit Meldungen über geringe Dioxin-Grenzwertüberschreitungen in Eiern und Schweinefleisch.
 
Anstatt die Hyperaktivität von System 1 ("Straßengang") noch zu fördern, sollte man lieber das System 2 ("Ackergang") auf Trab bringen, also die allgemeine Furcht vor dem Selbstdenken mindern.

 
Was hat es mit dem "Straßengang" und dem "Ackergang" auf sich und wie wird unser Handeln dadurch beeinflusst? Die Antworten liefern wir Ihnen im Heft 06/2015 des agrarmanager. Falls Sie noch kein Abonnent sind vom agrarmanager, können Sie hier drei Hefte lang reinschnuppern.
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