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Ausgabe September_2014

Neue Herausforderung - neue Chance?

von , am
28.08.2014

Für Obst- und Gemüsebetriebe bedeutet der neue Mindestlohn einen großen wirtschaftlichen Einschnitt. Doch auch Ackerbauern und Tierhalter sind verunsichert. Dabei kann das neue Gesetz auch eine Chance darstellen, den Betrieb grundlegend umzukrempeln und zu modernisieren.

Saisonarbeitskräfte beim Erdbeeren pflücken. © Karls Erdbeerhof
Jedes Jahr arbeiten rund 320.000 ausländische Erntehelfer auf deutschen Feldern, die meisten unter ihnen stammen aus Osteuropa. Ähnlich sieht es auf dem Erdbeerbetrieb  von Robert Dahl aus, besser bekannt als Karls Erdbeerhof. Vor etwa 90 Jahren gründete Karl Dahl, der Großvater von Robert Dahl, den Erdbeerhof in der Nähe von Rostock. Seit 1993 kümmert sich der Enkel auf dem Hof in Rövershagen ums Erdbeergeschäft.  Mittlerweile bewirtschaftet er rund 500 ha Ackerland; auf 300 ha baut er Erdbeeren an. wieder. "Wir haben etwa 400 Saisonarbeiter, die uns seit 21 Jahren treu sind", sagt Dahl. Sie arbeiten täglich rund fünf bis zehn Stunden, je nach Saisonverlauf und Witterung. Untergebracht sind sie in Erntehelfer-Camps, wo sie die zwei Monate im Sommer  verbringen.

Am 3. Juli 2014 hat der Bundestag bekanntlich das Tarifautonomiestärkungsgesetz  beschlossen, womit ab Januar 2015 der bundesweit einheitliche Mindestlohn von 8,50 Euro je Stunde gilt. Allerdings sind im neuen Gesetz sogenannte Übergangsregelungen vorgesehen, wodurch in der Zeit vom1. Januar 2015 bis 31. Dezember 2017 die  abweichenden Regelungen eines Tarifvertrags gelten. Der Tarifvertrag muss dazu  bundesweit gültig und allgemeinverbindlich sein.
 
Insgesamt steigt ab nächstem Jahr für 3,9 Mio. Deutsche der Stundenlohn auf 8,50 Euro. Viele landwirtschaftliche Betriebsleiter, auch Robert Dahl, sind froh, dass es die Übergangsregelungenfür die Landwirtschaft gibt. Eine weitere Erleichterung speziell für Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft ist die Anhebung der versicherungsfreien Beschäftigungvon 50 auf 70 Tage und die Anrechnung von Kost und Logis auf den Mindestlohn.

Besonders für Betriebe mit Sonderkulturen, wie Spargel oder Erdbeeren, stellt das Mindestlohn-Gesetz eine große Herausforderung dar. "Wir beschäftigen uns im Moment mit nichts anderem. Weil wir so viele Saisonarbeiter einsetzen, müssen die steigenden  Lohnkosten erst einmal gestemmt werden", klagt Robert Dahl. Rund 30 % der  Gesamtkosten für Erdbeeren entfallen bei Karls Erdbeerhof auf das Personal. Andere  Landwirte gehen für das Beerenobst sogar von 70 % Personalkosten aus. Das ist vor allem dem hohen Einsatz an Handarbeit geschuldet.
 
Bevor die Bundesregierung das Gesetz zum Mindestlohn verabschiedete, rechtfertigtendie Berliner Politiker ihre Pläne mit Slogans wie: "Mindestlöhne sorgen für Gerechtigkeit" oder "Mindestlöhne entlasten den Staatshaushalt". Das mag für die breite Masse der Deutschen stimmen. Doch gerade für Saisonarbeiter stellt die bis zu zweimonatige sozialabgabenfreie Beschäftigung einen Zuverdienst dar. Zudem sind die Lebenshaltungskosten in ihren Heimatländern deutlich geringer als in Deutschland. Das Problem ist: Nicht nur für Saisonarbeiter wird der Lohn steigen. Damit das Lohnverhältnis wiederpasst, müsste auch der Lohn für Facharbeiter angehoben werden.

Dahl befürchtet, dass der deutsche Mindestlohn ähnliche Auswirkungen haben werde,  wie sie in Frankreich schon länger zu beobachten sind. Dort, so Dahl, müsse man nur mal in den Supermarkt gehen, um zu sehen, dass es kaum noch einheimisches Obst und Gemüse zu kaufen gebe. Die Bauern dort hätten aufgeben müssen und so werde ein  Großteil des Obstes und Gemüses billiger aus dem Ausland importiert. Er ist sich sicher, dass die deutsche Produktion langfristig auch in Niedriglohnländer abwandern werde,  nach Polen oder Rumänien. Ein polnischer Bekannter habe ihm auch erzählt, dass sich  mehr und mehr Deutsche für polnische Ackerflächen interessieren. Vermutlich, so  spekuliert Dahl, schauen sie sich bereits nach alternativen Produktionsstandorten um.
 
Die neuen Umstände bieten den Landwirten auch eine Chance, ihre Unternehmen weiterzuentwickeln. Letztlich, so Dahl, haben es die Landwirte immer geschafft, mit den neuen Herausforderungen umzugehen. So werden auch in Zukunft auf Dahls Feldern die - wenn auch wenigeren - Saisonarbeiter bei Tagesanbruch im Morgendunst die roten  Früchte ernten.

Sie wollen wissen, welche Mindestlöhne in den verschiedenen Ländern der EU gelten? Die Antwort und weitere Informationen finden Sie in der September-Ausgabe des agrarmanager.

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