Login
Ausgabe Mai_2015

Orientierungslos - Auf der Suche nach einem agrarpolitischen Leitbild

von , am
03.05.2015

Die Agrarpolitik lässt keinen klaren Kurs erkennen. Einerseits sollen sich die Unternehmen im Wettbewerb auf freien Märkten behaupten. Andererseits werden moderne Wachstumsbetriebe schlecht geredet und ausgebremst. Es ist höchste Zeit, sich über ein Leitbild klar zu werden.

Politik, Verbraucher und viele Akteure in der Landwirtschaft haben in der Kakophonie der Medienschelte offenbar die Orientierung verloren. Ein klares Konzept für eine Landwirtschaft, die die Gesellschaft trägt und umgekehrt, fehlt. Weder Berlin noch Brüssel verfolgen ein klar definiertes agrarpolitisches Leitbild. Die Folge ist ein widersprüchliches Wirrwarr von Vorschriften und Anreizen, die auf der einen Seite Entwicklungen fördern, deren Wirkung sie andererseits bekämpfen.
 
An erster Stelle zu nennen ist hier die Tierschutzdebatte. Kein anderes Agrarthema erfährt ähnliche Aufmerksamkeit. Hohe Wellen löste das jüngste Gutachten vom Wissenschaftlichen Beirat Agrarpolitik beim Bundeslandwirtschaftsministerium aus. Das Gutachten hat dem Beirat den Vorwurf eingebracht, keine neutrale wissenschaftliche Untersuchung vorgelegt zu haben, sondern sich vom Zeitgeist davontragen zu lassen.
 
Ähnlich vertrackt ist die Lage auf einem weiteren Politikfeld mit beträchtlichem Einfluss auf die Agrarstruktur, im Grundstückverkehrsrecht. Die Kauf- und Neupachtpreise für landwirtschaftliche Flächen steigen seit 2007 rasant. Die Kaufpreise kletterten bis 2013 bundesweit um 78 %.

Es ist schwierig, unerwünschte Entwicklungen am Bodenmarkt wie zum Beispiel Holdingstrukturen und außerlandwirtschaftliche Investoren auszubremsen, ohne den Markt zu beschädigen, und dabei die Interessen der Eigentümer und Bewirtschafter ausgewogen zu berücksichtigen. Voraussetzung für zusätzliche Eingriffe in die Grundrechte sollte darum sein, zunächst die damit verfolgten Gemeinwohlziele konkret als Leitbild zu formulieren. Die Politik bleibt eine ehrliche Kurssetzung aber schuldig. Eine klare Bekenntnis, welche landwirtschaftlichen Strukturen in Deutschland erwünscht und welche unerwünscht sind, fehlt. 
 
Sie wollen wissen, was der Kern des Gutachtens vom Wissenschaftlichen Beirat Agrarpolitik in der Tierschutzdebatte aussagt? Die Antwort finden Sie in der aktuellen Ausgabe des agrarmanager. Lesen Sie außerdem, welche Empfehlungen die Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Bodenmarktpolitik" gibt.
 
 

Ziemlich große Spannbreite

Die Agrarstruktur Deutschlands weist - vor allem historisch bedingt - bekanntlich sehr große Unterschiede auf. So bewirtschaftete ein Landwirtschaftsbetrieb im Bundesdurchschnitt 2013 rund 58,6 ha. Die Zahl landwirtschaftlicher Betriebe unter 100 ha schrumpft, während die über 100 ha wächst. 2013 waren lediglich 12% bzw. rund 35.200 Betriebe in Deutschland größer als 100 ha.
 
Interessant ist auch, dass fast die Hälfte (46%) der rund 285.000 Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland  im Nebenerwerb bewirtschaftet werden, dagegen nur 44 % im Haupterwerb, 8 % als Personengesellschaften und 2 % in der Rechtsform einer Juristischen Person.
 
 
Sie wollen mehr Agrarstrukturzahlen und die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern? Im aktuellen Heft des agrarmanager haben wir die Zahlen anschaulich für Sie zusammengefasst.

Neue Bundesländer - Neue Agrarpolitik?

Über eine stärkere Regulierung der Bodenmärkte sowie die Begrenzung von Unternehmens- und Bestandsgrößen wird in jüngster Zeit viel diskutiert. Die Debatte ist vor allem in den neuen Bundesländern sehr ausgeprägt und vermittelt den Eindruck, dass die ostdeutsche Landwirtschaft vor unerwünschten Entwicklungen geschützt werden muss. Fraglich ist, was genau unerwünscht ist und ob die ostdeutsche Landwirtschaft einen besonderen Schutz durch die Politik braucht oder selbst gefordert ist. Teilweise lassen sich diese Diskussionen mit einem zunehmenden Spannungsfeld zwischen der Landwirtschaft, ihrer öffentlichen Wahrnehmung und ihrer politischen Einbettung erklären. Mit Blick auf die ostdeutsche Landwirtschaft scheint ein besonderes Wahrnehmungsproblem darin zu liegen, dass nicht verstanden wird, wie sie strukturiert ist und funktioniert.
 
In der Vergangenheit wurde versäumt, gegenüber der Öffentlichkeit, der Politik und dem Sektor zu verdeutlichen, was die ostdeutsche Landwirtschaft auszeichnet und welche Leistungen daraus für die Gesellschaft erwachsen. Anstatt sich als Vorreiter einer modernen Landwirtschaft mit den eigenen Stärken und auch Herausforderungen offensiv auseinanderzusetzen, wurde nach außen das traditionelle Bild eines benachteiligten Sektors gepflegt. Daraus erwachsen zunehmend Kommunikationsprobleme und Konflikte. 
 
Der Schritt von einem durch die Politik regulierten und behüteten Sektor hin zu einem Sektor, der die eigenen Probleme in die Hand nimmt, stellt einen Systemwechsel dar. Dieser ist alles andere als konfliktfrei. Es sind erhebliche Anpassungen erforderlich, um bestehende Probleme zu lösen. Und es braucht ein Umdenken in den Köpfen der Akteure. 
 
 
Lesen Sie im Heft 05/2015 des agrarmanager, warum zunehmend Diskussionen um Unternehmens- und Bestandsgrößen auftreten.
 

Landwirte mit im Boot

Im Raum Greifswald haben Landeigentümer und Naturschützer eine Agrarinitiative gegründet. Auch Landwirtschaftsbetriebe wie die Agrar GbR Groß Kiesow sind dabei. Geschäftsführerin Doreen Riske ist die Mitarbeit sehr wichtig, auch wenn sie nicht immer Freude bereitet.
 
 
Im aktuellen agrarmanager stellen wir die Agrar GbR Groß Kiesow vor und beleuchten, was genau hinter der Aussage "Wir achten schon seit Jahren auf eine umweltschonende und nachhaltige Arbeitsweise" steckt. 

Einblicke für Zweifler

Ein Blick in die hellen Ställe der Heideland e. G. in Kemberg wirkt nachhaltiger als jeder Vortrag: Hier wird im modernen Großbetrieb tier- und umweltfreundlich Milch erzeugt. Und jeder Interessierte darf es sich anschauen.

In unserer agrarmanager-Reportage zum Titelthema "Orientierungslos" im aktuellen Heft lesen Sie, was die Heideland e. G. leistet um wirtschaftlich und nachhaltig zu sein und von der Gesellschaft akzeptiert zu werden.

Auch interessant