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Ausgabe April_2015

Startschuss - Wettbewerb am freien Milchmarkt eröffnet

von , am
25.03.2015

Mit dem 1.April 2015 fällt die Mengenregulierung am europäischen Milchmarkt. Wie sich der Markt entwickeln wird und welche Strategien für Produzenten und Verarbeiter den größten Erfolg versprechen, diskutieren wir in unserem Titelthema.

Der Startschuss für das Rennen im liberalisierten Milchmarkt hätte zu einem schlechteren Zeitpunkt fallen können: Rund um den Globus haben die Milchbauern ihre Produktion reduziert und damit auf die fallenden Erzeugerpreise reagiert.
 
Die Regeln für den quotenfreien Milchmarkt sind schnell erklärt: Ab dem 1. April kann jeder Milchviehhalter in der EU so viel Milch erzeugen wie er will, solange er einen Abnehmer dafür findet. Ganz ohne politische Leitplanken muss der Markt aber auch in Zukunft nicht auskommen: Brüssel spannt wie bisher das Sicherheitsnetz Intervention auf, das bei einem Milchpreis von etwa 21 Ct/kg greift.
 
Mit einer Milchschwemme in Europa rechnen die meisten Experten nach dem Quotenende übrigens nicht. Die EU-Kommission veranschlagt die diesjährige Mehrproduktion auf "nur" 1,2 %, nachdem die Milchanlieferungen an die Molkereien im Kalenderjahr davor noch um 4,2 % gestiegen waren. Zuletzt operierten die Milcherzeuger in Deutschland, Dänemark, den Niederlanden und Irland am Quotenlimit. In diesen Ländern hat die Quote die Produktion also tatsächlich begrenzt, in vielen anderen nicht.  
 
Und wie haben sich die Milchverarbeiter auf die quotenfreie Zeit eingestellt? Die genossenschaftlichen Abnehmer wiederholen seit Jahren fast stakkatoartig, die Milch ihrer bisherigen Lieferanten auch in Zukunft vollständig abzunehmen. Am genossenschaftlichen Prinzip der Abnahmepflicht wird bisher nicht gerüttelt, fraglich ist, welche Preise gezahlt werden. Branchenriesen wie das Deutsche Milchkontor (DMK) fragen die zu erwartenden Milchmengen schon länger bei ihren Lieferanten ab, um die Verarbeitungskapazitäten danach auszurichten. Die größte Molkerei in Österreich, die ebenfalls genossenschaftliche Berglandmilch, will ebenfalls mit einer eigenen "Molkereiquote" im liberalisierten Milchmarkt punkten. Expansionswillige Milcherzeuger sollen sich künftig über einen "Vermarktungsbeitrag" an den erforderlichen Investitionen der Molkerei beteiligen, wobei dieser bisher auf Null gesetzt und damit ohne Lenkungswirkung ist.
 
Man mag vor dem Hintergrund der verheerenden Quoten-Bilanz kaum glauben, dass die politische Schlacht um eine Mengensteuerung weiter im Gange ist. Auf europäischer Ebene treten die unterschiedlichen Wirtschaftsphilosophien beim Thema Quotenende derzeit jedoch offen zu Tage. Die Bandbreite der Meinungen könnte nicht größer sein. 
 
 
Sie wollen wissen, welche Meinungen aus Irland und Frankreich zum Thema kommen? Die Antwort finden Sie in der aktuellen Ausgabe des agrarmanager. Lesen Sie außerdem, wie die EU-Kommission sich positioniert und ob eine Mengenregulierung weiterhin Thema sein wird.
 
 

Neuland - Lieferverträge nach der Quote

Bisher orientieren sich die Preise in Milchlieferverträgen nur indirekt an der Verwertung. Abhilfe kann der "Milchwert Deutschland" schaffen, davon ist Prof. Holger Thiele vom ife Institut überzeugt. 
 
Der Milchpreis, der als Basispreis an die Lieferanten bezahlt wird, wird bis zum 15. des Folgemonats mitgeteilt. Beispielsweise wird den Erzeugern der Aprilpreis am 15. Mai mitgeteilt. Grundlage des Auszahlungspreises sind die durchschnittlichen Verwertungen der Milchprodukte mit ihren jeweiligen Absatzpreisen, der Eigenkapitalanteil für Wachstumsinvestitionen in der Milchverarbeitung und die regionalen Wettbewerbsverhältnisse um den Rohstoff Milch. 
 
In den Privatmolkereien und bei Lieferanten, die als Nicht-Genossen an genossenschaftliche Molkereien als Vertragslandwirte Milch liefern, ist die Situation etwas anders: Dort gibt es keine Satzung, die den Milchliefervertrag ersetzt. Hier gibt es für jeden Landwirt einen eigenen Milchliefervertrag.
 
Es kommt vor, dass nach zwei Monaten bereits veröffentlichte Milchpreise nachkorrigiert werden müssen, weil vorher nicht alle meldepflichtigen Betriebe die Auszahlungspreise gemeldet hatten. Es kann also nur eine vorläufige Schätzgröße ausgezahlt werden, die teilweise später mittels Nachzahlungen korrigiert werden muss.
 
Soll dies vermieden werden und soll sich die Auszahlung an der regionalen oder durchschnittlichen Verwertung der Milchprodukte orientieren, dann könnte als neue Alternative in der Preisfindung eine "verwertungsorientierte Milchpreisfestlegung" erfolgen. Dieses Modell wird bereits seit einiger Zeit von einer größeren Privatmolkerei in Deutschland umgesetzt. Mehrere Molkereien prüfen derzeit diese alternative Preisfestlegungsmethode. Das ife Institut für Ernährungswirtschaft in Kiel begleitet diese Prozesse unter anderem durch die laufende Ermittlung des sogenannten Milchwertes Deutschland, der online im Marktbereich unter www.agrarmanager.com abgerufen werden kann. 

Im Fall des Milchwertes Deutschland des Kieler ife Instituts wird die Verwertung für Standardprodukte dargestellt und ist Ausdruck für die Durchschnittsverwertung über alle in Deutschland wichtigen Milchprodukte. Allen voran steht die Verarbeitung von Milch zu Käse und Trinkmilch einschließlich Frischprodukte, gefolgt von Butter und Milchpulver. Zusammen repräsentieren sie in Deutschland über 80% der
Milchverarbeitung.

Der Milchwert Deutschland darf keinesfalls verwechselt werden mit dem Kieler Rohstoffwert Milch, der ebenfalls vom ife Institut in Kiel monatlich ermittelt wird. Anders als der Milchwert Deutschland, der die Durchschnittsverwertung des Gesamtsektors darstellt und daher eine gute Prognose für die Höhe des Milchpreises ist, liefert der Kieler Rohstoffwert Milch zwar eine sehr gute Prognose für die längerfristige Richtung der Marktentwicklung, kann aber die absolute Höhe der Milchpreise nicht abschätzen. Das liegt daran, dass er aus der Milchverwertung der beiden Produkte Magermilchpulver und Butter, in die nur 15 % des Rohstoffs Milch hineingehen, berechnet wird. Auch als Frühindikator für Milchpreiskrisen ist der Kieler Rohstoffwert geeignet. Er hat einen Vorlauf von rund drei Monaten zu den dann eintretenden Milchpreisentwicklungen.
 
 
 
Welche zusätzlichen Teilindizes mit dem neuen Milchwert ausgewiesen werden, lesen Sie in der Aprilausgabe des agrarmanager. Außerdem haben wir für Sie grafisch dargestellt, wie sich der Milchwert Deutschland im Vergleich zum Milchpreis verhält.
 

Eindeutige Signale - Milchmarkt nach dem Quotenende

18 Tage vor dem Ende der Milchmengenregulierung haben wir uns auf dem 6. Berliner Milchforum unter Landwirten, Verarbeitern und Verbandsvertretern umgehört und gefragt: Was halten Sie davon? Wir haben niemanden gefunden, der der Milchquotenregelung nachtrauert.
 
Einige Meinungen der 500 Teilnehmer finden Sie im aktuellen Heft des agrarmanager.



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