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Ausgabe September_2014

Sturm im Milchglas

von , am
27.08.2014

Eine angeblich besonders gesunde Milch mit spezifischem Eiweißprofil drängt von Australien aus auf die Märkte in Europa, Asien und den USA. Die sogenannte A2-Milch hat das Potenzial, den Milchverzehr wie wir ihn bisher kennen tiefgreifend zu verändern.

© Sturm/Fotolia
Dass Kuhmilch unterschiedliche Eiweißbestandteile enthält, ist seit langem bekannt. Welche Proteinvarianten dominieren, darüber entscheidet das Erbgut der Tiere. Das  neuseeländische Unternehmen A2 Milk Company (A2MC) hat daraus für sich eine  Geschäftsidee geschmiedet, die im Nachbarland Australien bereits sehr gut funktioniert. Allerdings geht der Erfolg auf Kosten aller anderen Molkereien, die keine A2-Milch vermarkten. Jetzt greift A2 Milk auch den Markt in Europa, China und den USA an. Höchste Zeit, sich mit dem Phänomen zu beschäftigen.

Was also ist A2-Milch? Die Bezeichnung geht auf zwei Formen des Milcheiweißes  Beta-Casein zurück, die in Kuhmilch natürlicherweise vorkommen. Die Varianten heißen A1 und A2. Eine Kuh produziert je nach genetischer Veranlagung eine der beiden Formen oder ein 1:1-Gemisch. Ursprünglich enthielt die Milch vermutlich aller Hausrinder nur Typ 2 Beta-Casein. Das gilt für Schaf, Ziegen und Kamelmilch auch heute noch. Auch menschliche Muttermilch enthält nur Casein, das Typ 2 ähnlich ist.

Studien zufolge ist in heutigen Holstein-Herden fast jede zweite Kuh ein A1-Erzeuger. Beim Fleckvieh ist hingegen die A2-Anlage zu 70% ausgeprägt, bei Guernsey-Kühen sogar zu 96%. Unter den Jerseys sind die Genotypen etwa gleich stark vertreten.

Der wissenschaftliche Streit um die angebliche Vorzüglichkeit von A2-Milch ist noch  längst nicht entschieden. Dennoch setzt die A2 Milk Company voll auf diese Karte. Sie vermarktet ausschließlich Milchprodukte, die nur Beta-Casein vom Typ 2 enthalten. Dabei assoziiert die Molkerei ihre Trinkmilch und Säuglingsnahrung geschickt mit einem positiven Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden, ohne sich allzu genau  festzulegen.

In Australien, wo A2MC seine Trinkmilch 2010 erstmals vermarktete, ist die Rechnung voll aufgegangen. A2-Milch von A2MC ist das am schnellsten wachsende Segment am Trinkmilchmarkt Down Under. Den ersten Schritt nach Europa machte A2 Milk im  Oktober 2012. Seither ist A2-Milch in begrenztem Umfang in Großbritannien am Markt. Im Gegensatz zu Australien verläuft die Markteinführung in England schleppend. Die Neuseeländer glauben an den langfristigen Erfolg in Europa. Nach Großbritannien ist Deutschland ihr nächstes Ziel innerhalb der EU.

Und auch auf dem Wachstumsmarkt China ist A2 Milk bereits aktiv. Dort behindert keine
EU-Verordnung die Werbung mit umstrittenen Gesundheitsversprechen. Gleichzeitig giert die chinesische Mittelschicht nach westlichen Milchprodukten, ganz besonders Babynahrung. Gute Voraussetzungen für die Markteinführung von A2 Säuglingsnahrung
im November 2013.

Die etablierte Milchwirtschaft nimmt den Störenfried sehr ernst - und bekämpft ihn mit allen Mitteln. Das liegt nicht daran, dass sich A2 Milk eine schnell wachsende, hoch rentable Nische erobert. Der Grund ist vielmehr, dass die Debatte um A1 und A2 Beta-Caseine das Image herkömmlicher Milchprodukte beschädigt.


Was genau ist der Unterschied zwischen A1 und A2 Beta-Casein? Den kompletten Beitrag und wie Züchter auf A2-Milch reagieren, lesen Sie in Heft 09/2014 des agrarmanager.
 
 

"Es brennt" - Kommentar unseres Autors Norbert Lehmann

Ich höre schon die Anklagen: "Warum berichtet der agrarmanager über ein Produkt wie A2-Milch, das unsere Milch in ein schlechtes Licht rückt?" Die Antwort liegt auf der Hand. Den Kopf in den Sand zu stecken, hat noch nie geholfen, wenn sich eine  schwierige Diskussion ankündigt. Besser ist es, frühzeitig informiert zu sein, um sich auf die heraufziehende Debatte vorbereiten zu können.
 
Sicher, Australien ist weit weg. Aber A2 Milk verfolgt bei der Vermarktung seiner Beta-Casein-Story eine aus seiner Sicht geschickte Strategie: Das Unternehmen entfacht überall kleine Brandherde, in Ozeanien, Europa, China und den USA, in der Hoffnung, dass daraus ein Flächenbrand entsteht, den die etablierte Milchwirtschaft nicht aufhalten kann. Warum verfolgt A2 Milk diesen Weg? Das Unternehmen hat an der Milch an sich kein Interesse. Die lässt es im Auftrag von Molkereien erfassen und verarbeiten. A2 Milk hält jedoch Patente, die ihm Lizenzeinnahmen aus DNA-Tests auf A1und A2 sichern sowie Logos und Markenrechte zur Vermarktung von A2-Milch.
 
Die Wissenschaft hat die Wirkung der Milchproteine A1 und A2 nicht abschließend geklärt. Doch schon leise Zweifel an der Verträglichkeit von Milchprodukten, am köcheln gehalten durch eingekaufte Auftragsforschung, reichen aus, um das Verbrauchervertrauen zu erschüttern. Das Internet hilft dabei. Suchen sie im Web nach A2-Milch. Sie werden sehen, in den sozialen Medien wird längst darüber diskutiert, wo das angebliche Verdauungswunder zu kaufen ist - auch auf deutsch. Darauf sollte sich die heimische Milchwirtschaft einstellen.
 
Und wenn nun etwas dran ist an A2? Dann ist das die Chance, Milch aufs Neue als gesundes Grundnahrungsmittel beim Konsumenten zu verankern - und neue Milchtrinker zu gewinnen.


Norbert Lehmann, Redaktion agrarmanager
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