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Kommentar

Das Zeigefinger-Prinzip

von , am
21.03.2013

Lebensmittelskandale - egal ob echt oder herbeigeredet - schaden der deutschen Landwirtschaft. Doch statt die wahren Schuldigen zu ermitteln und die Risiken für künftige Probleme zu verringern, begnügt sich so mancher mit dem politischen Nutzen, den er aus den Aufreger-Nachrichten und den Verbraucherängsten ziehen kann.

Es gibt Zeiten, da ist es ziemlich blutdrucktreibend, Tierproduktionsredakteurin einer Zeitschrift für moderne, wachstumsorientierte Landwirtschaftsbetriebe zu sein. Das ist immer dann der Fall, wenn sich in den Medien die Zeigefinger häufen, die auf die "Massentierhaltung" (wahlweise auch die "industrielle Tierhaltung" oder ganz schlicht die "Agrarindustrie") als Generalschuldige für jeden echten oder herbeigeredeten Lebensmittelskandal weisen.
 
In den letzten Wochen häuften sich die Paradebeispiele dafür recht bedenklich. Kaum war die erste Faser Pferdefleisch in einer Rindfleischlasagne aufgetaucht, meldeten sich die einschlägigen Bescheidwisser zu Wort. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, erklärte beispielsweise unverzüglich, nach der ersten Aufregung sei ohnehin nicht mit einer Aufklärung des Skandals zu rechnen, da Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner stets die Agrarlobby schütze. Die Erklärung, was falsch deklarierte Mikrowellenmahlzeiten mit "Agrar" zu tun haben sollen, blieb der Politiker schuldig. Eigentlich war von Anfang an kaum anzunehmen, dass ein Landwirt eine Fuhre Schlachtpferde als Kühe deklariert und an einen nichtsahnenden Fleischverarbeiter verkauft hat. Özdemir dürfte zu diesem Zeitpunkt also bereits klar gewesen sein, dass der Betrug auf einer anderen Ebene passiert sein muss.
 
Als dann vor ein paar Wochen die Staatsanwaltschaft Oldenburg bekannt gab, in mehreren Fällen von unrechtmäßig als Bio-Produkte gehandelten Eiern zu ermitteln, meldete sich binnen weniger Stunden die AbL, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, in Person ihres "Agrarindustrie-Experten" Eckehard Niemann zu Wort: Beim Eier-Skandal gehe es im Kern um die Forderung "Bauernhöfe statt Agrarfabriken". Nur in bäuerlichen Familienbetrieben, so die AbL, gebe es ein ernsthaftes Interesse am Wohl der Tiere. Daher fordere man ein "rasches und generelles Verbot agrarindustrieller Haltungsstrukturen und Agrarfabriken in allen Landwirtschaftsbereichen". Und weil sich die pauschalen Schmähreden gegen großstrukturierte Betriebe nahezu mühelos auf fast jedes Landwirtschaftsthema mit öffentlichem Interesse zurechtbiegen lassen, wiederholte die AbL sie selbstredend auch im Zusammenhang mit den Aflatoxinen im Tierfutter. Wer - größenbedingt ­- seine Futtermittel nicht selbst produzieren könne, fördere eben Schluderei und kriminelle Energien und dürfe sich nicht wundern, wenn er belastete Rationskomponenten erhalte.
 
Mit anderen Worten: Ob ein Betrugsopfer einfach zum Täter abgestempelt wird, hängt nicht von dessen Schuld, sondern von dessen Betriebsstruktur ab.
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