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Ausgabe August_2015

Zerrbild - Risiken, und wie wir sie wahrnehmen

von , am
29.10.2014

Dass der Verbraucher Risiken eher emotional als fachlich bewertet, ist verständlich. Problematisch wird es, wenn Politik und Behörden ihre Entscheidungen zunehmend nach diesen gefühlten Risiken statt nach dem Stand der Wissenschaft treffen - und das auf Kosten der Landwirtschaft.

Beschreiben Verbraucher, wie sie die heutige konventionelle Landwirtschaft empfinden, erinnert das gelegentlich an die Zumutungen mittelalterlicher Pestausbrüche. Dabei waren Lebensmittel noch nie so sicher. Woher kommt dieser Widerspruch?

Jeder Mensch hat abhängig von Persönlichkeit, Geschlecht und Alter ein anderes Verständnis der Risikoauffassung. Allgemein gilt, dass das Gehirn jede eingehende Information verzerrt, um seinen Besitzer zu schützen. Große und eigentlich wohlbekannte Risiken des Alltags - wie Autofahren oder Rauchen - werden heruntergespielt, um sich nicht all zu sehr zu stressen. Zum Ausgleich neigt das Gehirn dazu, kleine Gefahren in die andere Richtung zu verzerren. Hört es von einem Risiko, sucht das Gehirn nach vergleichbaren Situationen. Ist das Thema vorher oft genug in unserer internen Suchmaschine angesprochen worden, wird es viel höher gewichtet. Flugzeugabstürze sind ein gutes Beispiel: Weil sie schockierend sind, Angst machen und medial ausgeschlachtet werden, fürchten sich Menschen vor dem Fliegen, obwohl Autofahren oder Rauchen viel gefährlicher sind.

Noch schlimmer wird es, wenn es um Risiken geht, denen wir uns machtlos ausgesetzt fühlen, zum Beispiel Umweltgefahren, Klimawandel oder Naturkatastrophen. Oder die Bedrohungen des modernen Lebens - die allerdings sehr selektiv wahrgenommen werden. Niemand fürchtet sich, außer aus finanziellen Gründen, vor dem iPhone 6, der Bordelektronik seines Mittelklassewagens, den "gesunden" Zusätzen in seinem Energy-Drink oder den tollen antibakteriellen Reinigungsmitteln für den Haushalt. Ganz viele fürchten sich aber vor dem Fortschritt in der Landwirtschaft, sei er nun technischer, züchterischer oder pflanzenschützerischer Art. Interessengruppen wie Politiker (auf Wählersuche), Medien (auf Themensuche) und Nichtregierungsorganisationen (auf Spendensuche) verschärfen das empfundene Risiko, indem sie Probleme oder Sachverhalte auswalzen, falsch darstellen oder vielleicht auch einfach mal erfinden.

Ein beliebtes Feld für Fehleinschätzungen und verzerrte Risikowahrnehmung ist der Pflanzenschutz. Zum Sinnbild des Bösen wird aktuell der seit 40 Jahren zugelassene und in zwei Wiederzulassungen bestätigte Wirkstoff Glyphosat. Noch ein beliebtes Feindbild ist die Pflanzenzüchtung. Über die mediale Ausschlachtung einzelner Situationen, Betonung der Hilflosigkeit von Natur oder unterdrücktem Mensch gegenüber grausamen Konzernen und Schüren von Fortschrittsangst und Technologiefeindlichkeit  stellen Medien und NGOs die moderne Züchtung als unkontrollierbares Risiko dar.

Mehr über den Gegensatz von wissenschaftlich begründeten Risiken und in der Öffentlichkeit empfundenen Risiken der modernen Landwirtschaft erfahren Sie im Heft 08/2015 des agrarmanager.

 

"Macht endlich gemeinsam den Mund auf"

Agrarwirtschaft und Ernährungsindustrie müssen der verzerrten Risikowahrnehmung mit einer zeitgemäßen Kommunikationsstrategie begegnen. Transparenz und Kettenverantwortung sind dabei Schlüsselbegriffe, sagt Risiko- und Krisenexperte Dr. Michael Lendle. Typisch für den Umgang unserer Gesellschaft mit problematischen Themen ist nämlich, dass die Risiken, die von Agrarprodukten oder der landwirtschaftlichen Erzeugung ausgehen, stark verzerrt wahrgenommen werden.
 
Viele Verbraucher sind durch vergangene Lebensmittelskandale verunsichert. Diese Verunsicherung ist die ideale Voraussetzung für das Aufbauschen von angeblichen Gefahren und empfundenen Missständen. "Interessierte NGOs setzen die Agenda. Die Medien bieten dann die Arena für die öffentliche Auseinandersetzung. Wenn die Krise erst einmal soweit gediehen ist, hat das betroffene Unternehmen kaum eine Chance mehr, die Verbraucher mit seiner Information zu erreichen", stellt Lendle immer wieder fest.
 
Was tun? Hat es Zweck, als einzelner Landwirt im direkten Dialog mit dem Verbraucher gegen Missverständnisse zu argumentieren, die eine ganze Branche betreffen und somit kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem sind? Dr. Michael Lendle hat viel Erfahrung als Krisen- und Kommunikationsberater in der Agrar- und Ernährungsbranche und eine Klare Meinung: Erfolgreiche Kommunikation muss viel früher anfangen, noch lange bevor die Medien vielstimmig den neuesten "Lebensmittelskandal" ausrufen. Die größte Herausforderung sieht er darin, den Wunsch der Verbraucher nach einer transparenten Produktions- und Lieferkette zu erfüllen. Dies kann nur mit einer konsequenten, beständigen Information über die Warenherkunft, die Produktionsprozesse und unbestreitbar existierende Risiken erfolgen. Er fordert daher Branchenakteure dazu auf, die Medien als Chance zu nutzen, ihre Botschaft zu kommunizieren indem gezielte Kontakte zu Journalisten geknüpft werden.
 
Wie Sie es schaffen Ihre Kommunikationshoheit zu erhalten und im Ernstfall das Krisenmanagement regeln, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe 08/2015 des agrarmanager.

Therapienot?

Immer mehr Krankheitserreger entwickeln Mehrfachresistenzen gegen Antibiotika. Experten sprechen bereits vom drohenden Post-Antibiotikazeitalter. In dieser Situation helfen gegenseitige Schuldzuweisungen nicht weiter.
 
Wohl keine andere Entdeckung hatte im vergangenen Jahrhundert mehr Einfluss auf die Heilungschancen von Mensch und Tier wie die ersten Antibiotika, die auf den Markt kamen. Was für einen medizinischen Segen Antibiotika tatsächlich darstellten, lernten vor allem die Feldärzte im Zweiten Weltkrieg schnell. Innerhalb kurzer Zeit trat die neue Medizin ihren Siegeszug auch im Zivil- und im Veterinärbereich an. Jedem, der es sich leisten konnte, sollte das neue "Wundermittel" zur Verfügung stehen. Von Resistenzen ahnte man in dieser frühen Phase des Antibiotikazeitalters noch nichts.
 
Das hat sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte grundlegend geändert. Mittlerweile zählt in Verbraucherumfragen die Zunahme von Antibiotikaresistenzen zu den meistgenannten Zukunftsängsten. Und diese Ängste sind durchaus berechtigt. Multiresistente Keime fordern jährlich europaweit mehrere Zehntausend Todesopfer, vor allem unter ohnehin immungeschwächten Krankenhauspatienten. Es besteht also unbedingt Handlungsbedarf.
 
Doch leider eignet sich das brisante Thema auch hervorragend zur Stimmungsmache, egal, ob aus politischen Gründen, zur Auflagensteigerung oder fürs Spendensammeln. Und damit ist es für eine sachliche und zielführende Diskussion fast verloren.  Die Welle richtig losgetreten hat im November vergangenen Jahres die "Zeit" mit ihrer Serie über multiple Keimresistenzen und ihre Verursacher. Ungeniert und ungeprüft verwiesen die Autoren nahezu ausschließlich auf die Landwirtschaft als Quelle zunehmender Keimresistenzen.
 
Es hat vor allem Landwirte und Tierärzte in der Folge der Medienkampagne viel Zeit, Geduld und Nerven gekostet, die Fakten wenigstens grundlegend zurechtzurücken und damit eine Diskussion anzufachen, die sich mit dem Antibiotikaeinsatz und der Resistenzbildung in Veterinär- und Humanmedizin befasst. Dabei ist der gemeinsame Lösungsansatz gar nicht so neu. Unter dem Motto One Health (also Eine Gesundheit ) streben Weltgesundheitsorganisation (WHO), zahlreiche Industrienationen und internationale Infektiologenverbände seit Jahren eine globale Strategie zur Resistenzbekämpfung an - sowohl über Länder - als auch über Speziesgrenzen hinweg.

Mehr über die Handlungsstrategien von Human- und Veterinärmedizinern sowie der Agrarbranche lesen Sie in der aktuellen Ausgabe 08/2015 des agrarmanager.
 










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