Ausgabe September_2015 Das Stellvertretersyndrom

Je moderner und technisierter eine Gesellschaft wird, umso mehr sehnt sich der Mensch zurück zur Natur. Bequemerweise dürfen diesen Schritt allerdings gern andere machen und das Naturgefühl nur "zuliefern". Als Stellvertreter eignen sich besonders die Nahrungsmittelerzeuger.

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Die moderne, hochtechnisierte Landwirtschaft hat ein offenbar irreparabel schlechtes Image. Dass der rasante technische Fortschritt in der Agrarproduktion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erst die Voraussetzungen für den immensen Wohlstand geschaffen hat, von dem die Menschen heute profitieren, wird in der Gesellschaft kaum noch positiv bewertet.
 
Stattdessen ist es schick, von der "Rache der Natur" zu menetekeln, welche schon bald zu einem ökologischen Super-GAU führe, wenn die Menschheit nicht schleunigst ihr technisches Besteck verkleinere und  auf den Tugendpfad einer naturgemäßen Lebensweise zurückfinde.
"Die industrialisierte Landwirtschaft", behauptet Greenpeace beispielsweise, "erzielt dauerhaft weder höhere Erträge noch gesunde Lebensmittel." Geboten sei daher eine "naturnahe Landwirtschaft", die "natürliche Kreisläufe" nutze, anstatt Pestizide und Gentechnik zu verwenden. Der simple Tatbestand, dass die ?industrialisierte Landwirtschaft? sehr wohl immer höhere Erträge erzielt und Lebensmittel so gesund sind wie nie zuvor, wird durch das Wörtchen "dauerhaft" verschleiert.
Greenpeace gibt etwas als Tatsache aus, was lediglich von einigen Menschen befürchtet wird. Die Organisation scheint darauf zu hoffen, dass die Erträge in Zukunft einbrechen, damit die propagierte "naturnahe Landwirtschaft" endlich als Sieger dasteht.
Greenpeace kann mit derlei irreführenden Behauptungen Eindruck machen, weil es heute ein Allgemeinplatz vermeintlich aufgeklärter Bürger ist, dass die Landwirtschaft sich "von der Natur entfernt" habe und nicht gegen die Natur, sondern nur mit der Natur möglich sei. Solche Sätze dürfte jeder schon gehört oder gelesen haben. Sie wirken auf den ersten Blick nachdenklich, sind aber so inhaltsleer wie ausgelaugte Böden.
 
Von Zwecken gezwickt
 
Der Grund, warum so gerne die Natur bemüht wird, um subjektive Interessen als objektive auszugeben, ist einfach: Kein Mensch weiß genau, was Natur überhaupt sein soll. Deshalb kann jeder in sie hineininterpretieren, was ihm gerade einfällt. Der schier unendliche Variantenreichtum des Begriffs bewirkt leider nicht, dass er mit Bedacht verwendet wird. Im Gegenteil: Wo von Natur die Rede ist, fehlt der Dogmatismus selten.
 
Letzterer offenbart sich zum Beispiel in den lautstarken Bekundungen veganer Tierrechtler, Kuhmilch sei nicht für Menschen da. "Die Milch erfüllt [...] einen ganz gezielten Zweck, nämlich den Aufbau des Immunsystems sowie das schnelle Wachstum und die Kräftigung des Nachwuchses", heißt es auf der Homepage von Animal Rights Watch (Ariwa). Die Frage, von wem dieser Zweck gesetzt worden sei, hat sich Ariwa offenbar nichtgestellt. Wer diese Frage nun naiv mit "die Natur" beantwortet, ist schon hereingefallen. Denn er hat damit auch die These bejaht, dass Natur von sich aus irgendwelche Zwecke setzen könne, als wäre sie eine Person. Die Milch erfüllt aber nicht den Zweck, das Immunsystem aufzubauen und das Kalb zu kräftigen, sondern sie baut einfach das Immunsystem auf und kräftigt das Kalb. Dass das die objektive Aufgabe der Milch sei, ist bloß ein Glaubenssatz (Dogma). Der Genuss von Milch verschafft dem Saugkalb auch Wohlbefinden und hat zur Folge, dass ihre Rückstände als Kälberschiss hinten wieder herauskommen. Mit demselben Recht wie die Veganer könnte nun jeder behaupten, Milch sei dazu da, dem Kalb Wonne zu bereiten und die Luft mit Kotgeruch anzureichern. Verneint man aber einfach, dass die Natur als solche zweckhaft sei, läuft die Empörung von Tierrechtlern ins Leere. Denn wo es keine Zwecke gibt, kann auch nichts zweckentfremdet werden. Man kann also getrost Milch trinken oder darin baden, ohne damit der Natur nur einen Millimeter ferner zu stehen als vegane Ökopäpste.
 
Am Beispiel der Milch wird die Differenz zwischen zwei grundlegenden Naturbegriffen deutlich, die man vereinfachend als final und kausal bezeichnen könnte.
Beim finalen Naturbegriff wird danach gefragt, welches Ziel und welchen Zweck (nicht welchen Nutzen) Naturerscheinungen haben. Er geht im Wesentlichen auf Aristoteles (384 bis 322 vor Christus) zurück und prägte bis zur Entwicklung der Naturwissenschaften (Galilei, Newton) die abendländische Naturauffassung, insbesondere die des Christentums.
Aristoteles unterscheidet zwischen physis (Natur) und techne (Kunst). "Natürlich" ist demgemäß alles, was ohne menschliche Planung, Absicht und Eingriffe von selbst da ist. "Künstlich" ist, was vom Menschen geplant und gemacht wird. Für Aristoteles hat jedes Naturding seinen Zweck in sich selbst, nämlich den, die in ihm liegende Vollkommenheit zu erreichen (Entelechie). Diese Zwecke wurden Aristoteles zufolge vom ?unbewegten Beweger? festgelegt.
 
Der kausale Naturbegriff definiert Natur hingegen unter dem Aspekt ihrer Gesetzmäßigkeit und Berechenbarkeit. Hier werden die Naturerscheinungen in Wenn-Dann-Konstellationen gebracht ("immer, wenn ein Körper x aus einer Höhe y fällt, stürzt er mit der Beschleunigung z zu Boden"). Galileo Galilei und andere entdeckten die Naturgesetze jedoch nicht einfach, indem sie Löcher in den Himmel starrten, sondern ?erzeugten? sie künstlich, das heißt mit Hilfe ausgeklügelter technischer Experimente. Der Gegensatz von physis und techne wurde damit aufgehoben. 
 
Natürliche Landwirtschaft?
 
Aus Sicht der modernen Naturwissenschaften ist die Rede von einer "natürlichen Landwirtschaft" streng genommen sinnlos. Landwirtschaft kann die physikalischen, chemischen und biologischen Naturgesetze in keiner Weise außer Kraft setzen, ist also stets natürlich und niemals künstlich. Raubbau, Umweltzerstörung und alles Negative, was der Landwirtschaft zur Last gelegt werden kann, verstößt damit nicht gegen objektive Naturzwecke, sondern widerstreitet allein menschlichen Zwecken (die wiederum von den natürlichen Bedürfnissen der Gattung Mensch bestimmt sind). Den Ökosystemen ist es völlig schnurz, ob sie durcheinandergebracht werden, und Artenvielfalt ist nicht der objektive Zweck des Regenwaldes.
 
Legt man seinen Betrachtungen hingegen den finalen Naturbegriff zugrunde, muss streng genommen jede vom Menschen hervorgerufene Veränderung als naturwidrig gelten. "Natürliche Landwirtschaft" wäre dann ein Widerspruch in sich. Nicht umsonst leitet sich das Wort "Kultur" vom lateinischen cultura ab, was so viel bedeutet wie "Ackerbau". Landwirtschaft ist aus dieser Perspektive also stets künstlich und niemals natürlich.
Dummerweise verwechseln die Menschen heutzutage meist langbestehende Agrarlandschaften mit unberührter Natur. Beispielsweise ist die Lüneburger Heide "ein Produkt des Raubbaus der Hanse, die ganze Eichenwälder verschlang, um ihre Koggen auszurüsten", wie der Philosoph Gernot Böhme anmerkt. Sie steht einerseits unter Naturschutz, soll aber gleichzeitig Teil des Weltkulturerbes werden. Da kenne sich noch einer aus! Landwirtschaft und unberührte Natur unter einen Hut zu bringen, gleicht dem Versuch, sich den Pelz waschen zu lassen, ohne dabei nass zu werden. Solche Begriffsverwirrungen wecken falsche Assoziationen, die dann als ideologischer Ballast sachgerechte Lösungen für agrarwirtschaftliche Probleme erschweren.
 
Zurück zur Natur, marsch!
 
Definiert man Natur einfach als das, was ohne menschlichen Einfluss seiner eigenen Zweckbestimmung folgt, muss man den Menschen gedanklich aus dem Gesamtsystem herausnehmen. Was dann übrigbleibt, ist der anzustrebende Zustand. Das macht uns per Definition zu einer Art bösartiger Aliens, die von außen in die unschuldige Natur eindringen und sie zerstören.
Eine solche Denkweise nennt man kulturpessimistisch. Für den Kulturpessimismus ist die Parole "Zurück zur Natur" kennzeichnend, die vom Schweizer Philosophen Jean-Jacques Rousseau formuliert wurde. Ursprüngliche Natur wird bei ihm als das schlechthin Gute angesehen. Je weiter sich die Menschheit von jener Ursprünglichkeit entferne, desto schwächer, kriecherischer und feiger werde sie.
 
Diese Denkfigur ist besonders beliebt bei Menschen, die von der "unberührten Natur" (Wildnis) in keiner Weise persönlich behelligt werden, sondern sich den Luxus leisten können, sie schön und edel zu finden.
"Die Natur geht mit allen Tieren, die ihrer Vorsorge überlassen sind, mit solcher vorzüglichen Liebe um, woraus zu sehen ist, wie eifrig sie auf ihre Rechte hält", schreibt Rousseau blauäugig. Erst auf dieser Grundlage konnte die Vorstellung entstehen, dass Natur vor dem Menschen geschützt werden müsse. Von dort führt ein direkter Weg zur heutigen Disneyfizierung der Natur (Bambi-Syndrom), zu Veganismus, Tierbefreiung und den Forderungen von Ökofundamentalisten, die Menschheit am besten auszurotten oder zumindest stark zu dezimieren.
 
Der Kulturpessimismus begleitet als eine Art intellektueller Katzenjammer die gesell- schaftlichen Modernisierungsprozesse. Sämtliche Probleme und Verwerfungen, die dabei entstehen, werden nur auf eine einzige Ursache zurückgeführt, nämlich die unstatthafte Entfernung vom Ursprung. Als Patentlösung wird gefordert, irgendeinen "ursprünglicheren" Zustand wiederherzustellen.
Während des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts war diese Denkweise besonders in Deutschland sehr weit verbreitet. In der "Lebensreformbewegung" huldigten städtisch sozialisierte Angehörige der Mittel- und Oberschicht einer "naturgemäßen Lebensweise". Hier wurde der Mythos gepflegt, dass naturbelassene Nahrung gesünder sei als verarbeitete und ihr Genuss eine moralische Höherentwicklung der Menschheit herbeiführe.
Im Nationalsozialismus schließlich wurde diese Ideologie durch die Ernährungslehre des Hygienikers und Bakteriologen Werner  Kollath zur offiziellen Doktrin. Der Erfinder der Vollwertkost bemaß den Wert der Nahrung nach dem Grad ihrer Verarbeitung. Je geringer der Verarbeitungsgrad, desto höher die Wertigkeit. Kollaths Lehre halten viele auch heute noch für richtig. Die Beliebtheit von "Steinzeitdiät" und ähnlichen Marotten legt davon beredtes Zeugnis ab.
 
Die Landwirtschaftspolitik im Nationalsozialismus bemühte sich, die notorische "Fett- und Eiweißlücke" der heimischen Agrarproduktion zu schließen, um eine vollständige nationale Selbstversorgung zu erlangen. Dabei konnte sie auf moderne Verfahren gar nicht verzichten. Parallel aber wurden Bauern als "Neuadel aus Blut und Boden" (Walther Darré) aufs Podest gehoben, wurden rückständige bäuerliche Lebensformen gegenüber den städtischen idealisiert. "Landwirt" galt als Schimpfwort, "Bauer" als Ehrentitel. Der "knorrige", "erdverbundene" und "naturnahe" Bauer wurde gegen den "falschen", "kriecherischen" und "widernatürlichen" jüdischen Händler in Stellung gebracht. Im Nationalsozialismus zeigte sich also in besonders schrecklicher Weise, wozu es führen kann, wenn Natürlichkeit und Künstlichkeit moralisch gegeneinander ausgespielt werden.
Weg vom Disney-Image"
Landwirtschaft ist der hartnäckige Versuch, der Natur etwas Essbares abzuringen. Je weiter sie sich dabei von der 'reinen Natur' entfernte, desto reichhaltiger, vielfältiger und gesünder wurden unsere Lebensmittel", schreiben die Publizisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Wie gezeigt, haben viele Menschen Probleme, diesem Befund zuzustimmen, weil sie unreflektiert dem Naturverklärungs-Mythos huldigen.
 
Die konventionelle Landwirtschaft wird allerdings nicht aus der Defensive herauskommen, solange deren Vertreter sich dieser Ideologie bedienen, um ihr Image aufzubessern. Bei dem Versuch, sich als besonders naturverbunden darzustellen, können konventionelle Landwirte nur verlieren. Denn Landwirtschaft ist keineswegs besonders "naturnah", bloß weil sie von der Wirtschaftswissenschaft zum Sektor der "Urproduktion" gezählt wird und "Rohstoffe" produziert (Rohöl wäre nach dieser Logik weniger künstlich als jede Ackerfrucht, die heute geerntet wird). Den Assoziationen, die solche Begriffe wecken, dürfen moderne Landwirte nicht erliegen, sonst werden sie Opfer der selbsternannten Naturapostel.
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Landwirte können den agrarfernen Verbrauchern zwar viel erzählen von natürlichen Lebensbedingungen ihrer Tiere. Doch sobald die Bürger "Natur" hören, denken sie an Wiesen und Wälder, an Bambi und Schweinchen Babe. Sehen sie dann in den Ställen zu viel Beton, Metall oder Kunststoff, werden sie nicht mehr glauben, dass moderne Ställe tiergerecht sind. Ein Weg aus der Falle könnte die Flucht nach vorn sein. Nicht die Natürlichkeit der Landwirtschaft sollte hervorgehoben werden, sondern deren Künstlichkeit, und zwar im Sinne von Kunstfertigkeit. Einen modernen Betrieb zu führen ist eine Kunst, und die erfordert eine Menge technisches Know-how, eine hervorragende Ausbildung und viel Wissen um die Bedürfnisse der gehaltenen Tiere. Landwirte sollten es in der Außendarstellung einmal damit versuchen, jeden Hinweis auf "Naturverbundenheit" und "Natürlichkeit" zu unterlassen, um so vom Image der bäuerlichen Nostalgie weg­zukommen.
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Klaus Alfs, Sozialwissenschaftler und Publizist, Berlin,
befasst sich als gelernter Landwirt regelmäßig
mit dem Bild der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit
 
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