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Niedersachsen plant Ringelschwanzprämie: Nur echt mit Locke am Po?

von , am
20.06.2014

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer hat eine "Ringelschwanz-Prämie" für unkupierte Schlachtschweine angekündigt. Was für die Öffentlichkeit wie ein Sieg für den Tierschutz aussieht, kann für die Schweine durchaus nach hinten losgehen. Und für die Schweinehalter sowieso.
Ein Kommentar.

Tiergerechtheits-Kriterium für Verbraucher und Prolitiker, die es gern einfach mögen: der Ringelschwanz. © anoli/fotolia
Niedersachsens grüner Agrarminister Christian Meyer plant also eine Spezialprämie für unkupierte Schweineschwänze. Das ist nett, so ein Schwein schaut doch nur mit gelocktem Schwänzchen so richtig goldig aus. Und das ist Tierschutz, den man als Laie mit einem Blick erfassen kann. Sehr praktisch sowas, besonders für Politiker - auch wenn selbige sonst oft die Folgen ihrer Arbeit ganz und gar nicht allzu sichtbar machen möchten. Aber das hier ist etwas anderes. Schließlich haben Tierschützer und Grünenpolitiker den Verbraucher jahrelang konditioniert: Intakte Ringelschwänze sind ein untrügliches Zeichen für artgerechte Tierhaltung, weiß doch jeder. Das hat gewirkt, weil es so schön einfach ist: Locke am Hintern = Ökoschwein mit Auslauf, Suhle und liebevoller, persönlicher Betreuung. Kupiertes Stummelchen am Schinkenende = gequälte Kreatur aus Massentierhaltung ohne Tageslicht, zusammengepfercht in engen, schlechtbelüfteten Buchten von lieblosem Stallpersonal.
So wünscht sich der Verbraucher seine Urteilsfindung: Eindeutige Kriterien, die jede Nachfrage nach Hintergründen und inneren Werten ersparen. Schade, dass Politiker keine Ringelschwänzchen haben.
 
Dabei ist diese Kausalkette Schwanzlänge - Haltungsform - Tierwohl in vielen Fällen Augenwischerei. So mancher Ökoschweinehalter weiß ein Lied davon zu singen. Seine (pflichtgemäß unkupierten) Tiere leiden unter Bissverletzungen und Nekrosen, er selber bekommt die Quittung durch Tierverluste oder Schlachtabzüge. Und das, obwohl die Schweine reichlich Platz und genügend Beschäftigungsmaterial haben. Warum ist das so? Ganz einfach: Selbst bei luxuriöser Ausstattung mit Spielzeug und Wühlmaterial ist so ein wackelnder Artgenossenschwanz reizvoll. Und Schweine sind nunmal neugierig und schnell unterbeschäftigt. In der freien Wildbahn ist ein Tier in der Regel seine komplette wache Tageszeit über mit der Futtersuche beschäftigt. Dieses "Tagwerk" fällt in menschlicher Haltung flach, wir füttern unsere Tiere nunmal. Und ohne Hunger springt selbst dem begeistertsten Wühlexperten plötzlich der Hintern des Kollegen ins Auge. Der Rest ist Angewohnheit: Einmal entdeckt, wird die Schwanzbeißerei schnell zum Hobby.
 
Was bedeutet das nun also für Meyers Ringelschwanzprämie? Immerhin werden deren Aufwendungen - laut Zentralverband der Deutschen Schweineproduktion (ZDS) - für den Zeitraum zwischen 2014 und 2020 mit 28 Mio. Euro aus dem ELER-Topf veranschlagt. Geld, das auch anderweitig gut genutzt werden könnte. Doch halt: Gönnen wir denn dem Schwein seinen unversehrten Schwanz nicht? Doch, tun wir, wenn das Schwein denn unversehrt bliebe. Doch wie bereits erläutert, ist Nichtkupieren mitnichten eine Garantie für Nichtleiden. Im Gegenteil: Sauberes Schwanzkürzen ist eine relativ erträgliche Angelegenheit für das betroffene Ferkel. Das ist keine Vermutung empathieloser Tierhalter, sondern auch für Laien gut erkennbar, wenn die Tiere unmittelbar nach dem kleinen Eingriff ruhig durch die Bucht laufen und nicht verzweifelt versuchen, sich die schmerzende Rückseite irgendwo zu scheuern. Eine entzündete oder nekrotisierende Bisswunde dagegen schränkt das Wohlbefinden bis hin zu schwerstem Tierleid ein.
 
Und was ist mit dem Bauern, der diese Prämie anstrebt? Immerhin kommt doch da nach Meyers Plänen einiges an Geld rum, wenn ... ja, wenn tatsächlich mindestens 70% der abgelieferten Tiere sowohl unversehrte, als auch unverbissene Schwänze haben. Das nämlich ist die zweite Bedingung für die Zusatzzahlung. Und damit, so schreibt der ZDS ganz richtig, wird das Ganze zum Roulette-Spiel. Was in einem Mastdurchgang vielleicht noch klappt, kann im nächsten schon in die Hose gehen. Dafür reicht nur ein exzessiver Beißer in der Gruppe (und leider auch bereits ein ordentlicher Biss). Wer also seine Belegung verringert, auf Strohhaltung umstellt, zusätzliches Spielmaterial anbietet, den Fütterungsmodus verändert etc., muss entsprechend investieren. Ob er am Ende dafür dann auch mehr für seine Tiere erlöst, bleibt fraglich.
 
Verkürzt kann man es so sagen: Falls alles optimal läuft, kann diese Sonderförderung für Langschwänze den betroffenen Schweinen und Schweinehaltern geringfügige Vorteile bringen. Falls aber irgendetwas daneben geht, sind die Nachteile für beide Seiten weit schwerwiegender als der kurze Schmerz für den kurzen Schwanz.
Ganz sicher profitieren wird von der geplanten Prämie also nur einer: Christian Meyer, der sich mit seinem unermüdlichen Einsatz für Tierwohl und Verbrauchersicherheit brüsten kann. Gut sichtbar für jeden, dem ein solches Kriterium für ein Urteil über die Arbeit des grünen Agrarministers genügt. Und dafür braucht der nicht mal eine Locke am Po.
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