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Sachlich und weitgehend geschlossen: Diskussion um Antibiotika-Resistenzen in Berlin

von , am
01.07.2015

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hatte heute zu einer Podiumsdiskussion um das Thema Antibiotika-Resistenzen in den Bundestag eingeladen. Die Argumente waren sachlich, das Resümee einhellig: Alle Akteure müssen Hand in Hand arbeiten, gegenseitige Schuldzuweisungen sind kontraproduktiv. Eine Erleichterung für alle, die in den letzten Monaten um einen objektiveren Dialog gerungen haben. Und eine Chance für die gemeinsamen Ziele.

© Manuel Schäfer
Es ist wohl schon viel erreicht, wenn eine Diskussion zwischen Politikern, Ärzten, Tierärzten, Infektiologen und Risikobewertern zum Thema Antibiotika-Resistenzen (weitgehend) ohne Hin- und Herschieberei eines "Schwarzen Peters" abläuft. In den vergangenen Monaten war das meist anders. Umso erfreulicher war die Sachlichkeit, die sich durch die heutige Podiumsveranstaltung der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag zog.
 
Ausgerechnet Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery, der sich noch vor zwei Wochen um die Grabenvertiefung in der Antibiotika-Debatte zwischen Human- und Veterinärmedizin "verdient" gemacht hatte (www.wir-sind-tierarzt.de/2015/06/antibiotikaresistenzen-stellungnahmen-der-aerzteverbaende/), brachte es auf den Punkt: "Das Tonnage-Argument ist Kalter Krieg." Er bezog sich sich dabei auf den Disput, wer denn mehr Antibiotika verordne, Humanmediziner oder Veterinäre.
 
Sein Podiumsnachbar und "Sparringspartner" in dieser Thematik, der Präsident der Bundestierärztekammer, Theodor Mantel, pflichtete Montgomery bei. Beide beriefen sich auf ihren Gebieten auf bereits erzielte Erfolge, die unter anderem zu einem spürbaren Rückgang der MRSA-Infektionen hierzulande geführt haben, machten aber auch klar, dass noch viel getan werden müsse und jede Selbstzufriedenheit fehl am Platze sei.
 
Mantel, der mangels eines landwirtschaftlichen Fachvertreters auf dem Podium auch als Sprecher für den Agrarbereich zu fungieren suchte, erklärte, vor allem an den Haltungsbedingungen und Zuchtzielen müsse weiter gearbeitet werden, um die Widerstandsfähigkeit der Nutztiere zu untermauern und so die Therapiehäufigkeit zu senken. Gleichzeitig bestätigte er ausdrücklich die Aussagen von Bundesagrarminister Christian Schmidt, der gemeinsam mit seinem Kollegen aus dem Gesundheitsressort, Hermann Gröhe, im Vorfeld der Diskussion ein Statement abgegeben hatte: Der Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung dient der Therapie und nicht der Leistungsförderung. Er ist aus tierschützerischen Gründen keinesfalls wegzudenken. Auch eine generelle Streichung sogenannter Reserveantibiotika von der Liste der Veterinärmedikamente lehnte er ab. Im Ernstfall müssten auch Tiere damit wirkungsvoll behandelt werden können, wenn andere Wirkstoffe nicht mehr greifen.
 
Die Allgegenwärtigkeit bakterieller Erreger und die tagtägliche Gefahr, deren Antibiotika-Resistenzen zu fördern, beschrieb der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel, eindrucksvoll: Jeder von uns schleppe im Inneren und auf der Oberfläche seines Körpers unentwegt zwischen einem und eineinhalb Kilogramm Keime mit sich herum. "Und die behandeln Sie mit jeder Antibiotika-Therapie quasi mit." Jeder Mensch ist damit sein eigenes kleines Resistenzlabor. Hensel warnte vor Einzellösungen und forderte eine umfassende Betrachtung des Themas. Resistenzen gebe es auch in der Natur bereits für nahezu jedes Bakterium. Es komme vor allem darauf an, Verschleppungen zu vermeiden. Bundesärztekammer-Präsident Montgomery unterstützte diese Forderung. Inzwischen kursiere bereits der Spruch, dass der Handschlag des Arztes zur Begrüßung seines Patienten gefährlicher sei als die nachfolgende Operation. Hygiene in allen Lebensbereichen sei die Basis jeder Antibiotika-Reduzierung.
 
Alle Teilnehmer* der dreistündigen Veranstaltung waren sich am Ende einig: Wenn wir nicht den bereits viel beschworenen Eintritt in ein Post-Antibiotika-Zeitalter weiter vorantreiben wollen, müssen alle Akteure zusammenarbeiten: Krankenhauspersonal, praktische Ärzte, Patienten, Veterinärmediziner, Nutztierhalter und Hobbytierbesitzer. Dabei kommt es zu allererst auf eine gemeinsame Informations- und Wissensbasis an. Gegenseitige Schuldzuweisungen, fragwürdige Studien und aktionistische Forderungen helfen nicht, sondern zerstören die Vertrauensbasis, die für das gemeinsame Ziel Antibiotika-Reduzierung und Resistenzverhinderung notwendig ist. Die anwesenden Mitglieder der CDU/CSU-Fraktion erklärten, diesen Gedanken auch auf politischem Wege weiter vorantreiben zu wollen. (leo)

* Die Veranstaltung wurde moderiert von der stellvertretenden CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag, Gitta Connemann. Eingeleitet wurde die Diskussion durch Vorträge von Dr. Georg Nüßlein, ebenfalls stellvertretender Fraktionsvorsitzender, sowie von Bundesagrarminister Christian Schmidt und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Die anschließende Podiumsdiskussion führten Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery (Präsident der Bundesärztekammer), Prof. Dr. Theodor Mantel (Präsident der Bundestierärztekammer), Prof. Dr. Lothar H. Wieler (Präsident des Robert Koch-Instituts), Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel (Präsident des BfR), Hanspeter Quodt (Verband forschender Pharma-Unternehmen), und Prof. Dr. Alexander Friedrich (Infektionsspezialist der Universität Groningen/Niederlande).
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