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Die unendliche Geschichte - ein Kommentar

von , am
31.07.2015

Zu der unendlichen Geschichte um Glyphosat hat nun auch die Süddeutsche Zeitung ein Kapitel beigetragen. Nicht, dass dabei etwas substanziell Neues herausgekommen wäre, auch dieses Mal verfährt die Redaktion nach dem Muster: "Wenn ich Unwahrheiten nur lange genug wiederhole, werden sie vielleicht irgendwann wahr".

© Bildschirmfoto SZ
Am 29.7.2015 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung (SZ) online einen Artikel der Journalistin Silvia Liebrich zu den "Machenschaften" der Glyphosatlobby (bearbeitete Fassung vom 30.7. hier).
 
Unter der schön gewählten Kampfrubrik "Ackergift" und der aufrüttelnden Überschrift "Behörde hat wohl Hinweise auf Krebsrisiko ignoriert" findet sich zwar viel Text, aber inhaltlich nur die bekannte Mischung aus Halbwahrheiten und dreisten Behauptungen. Schon in der Einleitung wird der Leser mit der schockierenden Tatsache konfrontiert, dass "die Behörde zur Neubewertung des Ackergiftes vor allem Studien von der Industrie" nutzt. So enthüllt die Autorin: "Zusammengestellt wurde ein großer Teil der Unterlagen für den BfR-Prüfbericht von der sogenannten Glyphosate Task Force (GTF), einer Organisation, in der sich Hersteller und Verkäufer des Stoffs zusammengeschlossen haben."

Das ist für jeden, der sich kurz mit dem Thema beschäftigt, nicht weiter überraschend, sind doch die Hersteller verpflichtet, im Neuzulassungsprozess den zulassenden Behörden die geforderten Studien zum Umweltverhalten der Wirkstoffe vorzulegen. Das Dossier, das die Hersteller bei den zulassenden Behörden (Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Julius-Kühn-Institut, Bundesinstitut für Risikobewertung BfR und Umweltbundesamt) einreichten, umfasste denn auch 118 Ordner mit 77.000 Seiten.
 
Allerdings verlässt sich das Bundesinstitut für Risikobewertung - die in der SZ angegriffene Behörde - bei der Bewertung natürlich nicht nur auf Studien der Industrie: Es hat im Rahmen der gesundheitlichen Bewertung, für die es zuständig ist, mehr als 1.000 Studien, Dokumente und Veröffentlichungen verschiedenster Quellen geprüft und ausgewertet. Dennoch ist die SZ-Autorin damit offenbar nicht einverstanden. In einem einzigen Satz schafft sie es, das BfR gleichzeitig der Heimlichtuerei und der Lüge zu bezichtigen: "Nun zeigt ein vertrauliches Dokument des BfR, dass auch der deutschen Behörde Hinweise vorliegen, die durchaus eine krebserzeugende Wirkung in Tierversuchen nahelegen ...".
 
Genau genommen war dieses Dokument eine Pressemitteilung vom 24. Juli, die auch nur noch einmal darauf hinwies, was auf der BfR-Homepage seit Jahren nachzulesen ist. Dass nämlich unter den erwähnten mehr als 1.000 verwendeten Quellen auch 92 wissenschaftliche Untersuchungen zur Einschätzung der Kanzerogenität von Glyphosat waren, darunter elf gesetzlich geforderte Originalstudien von den Antragstellern und 49 in wissenschaftlichen Zeitschriften peer-reviewte Publikationen. Und unter denen waren eben auch einige, die einen Zusammenhang zwischen Glyphosat und Krebs nahelegten. Zum Beispiel die später zurückgezogene Studie des Franzosen Eric Séralini oder die Einstufung der WHO-Unterorganisation IARC im März, deren Datenbasis bereits vor Veröffentlichung der Monografie von Experten angezweifelt wurde.
 
Aber natürlich ist es so: Wenn die Gefährlichkeit eines Stoffes untersucht werden soll, müssen möglichst alle Untersuchungen zu diesem Thema einbezogen werden. Und darunter sind bei jedem Stoff auch welche, die eine Gefahr nahelegen. Wir möchten gar nicht wissen, was für Studien das BfR zur Gefährlichkeit von Kaffee vorliegen ...
 
Und wo die Autorin des SZ-Beitrags gerade so schön dabei ist, die Glaubwürdigkeit des BfR in Zweifel zu ziehen, legt sie noch mit einer ungeheuerlichen Tatsache nach: "Erst vor kurzem haben Recherchen der SZ gezeigt, dass das BfR in der Neubewertung des Unkrautvernichters im Auftrag der EU-Regierung unter anderem Leserbriefe als Studien gewertet hat." Auch dafür hätten die investigativen Kollegen einfach nur auf die BfR-Homepage gucken können. Mitte Juli hat das Institut wegen der anhaltenden Debatte einen Beitrag veröffentlicht, in dem die wichtigsten Fragen zu Glyphosat und seiner Neubewertung erläutert werden. Dort steht auch eine Erklärung zu dem aberwitzigen Vorwurf, man würde Leserbriefe der Industrie als Studien werten.
 
Grundsätzlich schon mal hätte die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin Liebrich wissen bzw. recherchieren können, was diese besagten "Letters to the editor" in der Wissenschaftspresse sind. Nämlich eher keine Leserbriefe im landläufigen Sinne, sondern wissenschaftliche Kommentare oder Kurzberichte an die Zeitschrift, die - den jeweiligen Redaktionsrichtlinien entsprechend - nach fachlicher Prüfung abgedruckt werden. Auch das erklärt das BfR noch einmal und fügt an, was es mit den 15 "Letters" in der Glyphosatbewertung auf sich hat: 13 davon stammten von Universitäten und Forschungseinrichtungen, zwei unmittelbar von der Industrie. Das BfR hat diese Quellen, um auch wissenschaftlich kontroverse Diskussionen zu dem Wirkstoff vollständig abzubilden, als "Letters to the Editor" aufgeführt. Sie "wurden im Rahmen der wissenschaftlichen Risikobewertung des BfR gesichtet, waren jedoch für die Gesamtbewertung nicht entscheidend".

Dies alles hätte Frau Liebrich in fünf Minuten Internetrecherche herausfinden können. Sie wollte wohl nicht. Hätte auch nicht gut ins Gesamtbild ihres Beitrags gepasst.
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